14 Fragen an Muzascorner

Rap kann alles. Wirklich alles. Gemein sein, zerstören, aber genauso traurig sein, Freude oder Wut ausdrücken und am wichtigsten: Leute zusammenbringen. Die Variabilität von Instrumentals und die darauf aufbauende Vielfalt von möglichen Songs, ganz abhängig von der Künstlerin oder dem Künstler, fasziniert mich.

14 Fragen an Rapper Musa Borkowski
@muzascorner

Rapper: Muzascorner
Foto: Sean Udongwo (@archived.fotos)
Stell dich bitte kurz vor!

What’s good! Mein Name ist Musa Borkowski, ich bin 20 Jahre alt, komme aus Landshut und studiere in Regensburg vergleichende Kulturwissenschaft und Medienwissenschaft. Meine Wurzeln liegen in Deutschland und Südafrika.

Wie hat deine musikalische Laufbahn begonnen?

Aktiv selbst Musik mache ich seit meinem zehnten Lebensjahr. Ich habe Trompete gespielt, bis ich 16 war. Mit 14 habe ich dann angefangen, Hip-Hop zu hören und mit ungefähr 17 Jahren im Schulunterricht erste Zeilen zu schreiben.

Man merkt, dass du schon früh deine Leidenschaft für die Musik entdeckt hast. Wie kam es zu den
ersten Aufnahmen?

Zum selbst Recorden und Veröffentlichen bin ich durch einen Zufall gekommen. Ich war im September 2017 mit der Schule auf Abschlussfahrt in Amsterdam. Dort haben mich abends einfach random zwei Jungs auf der Straße gefragt, ob ich Beats mache, rappe oder Texte schreibe. Ich habe ihnen dann von meinen gelegentlichen Schreibversuchen erzählt. Mit dem Auftrag, auf einen Beat von Youtube einen Verse zu schreiben, haben sie mich dann paar Tage später zu sich ins Studio eingeladen. Dort haben sie mir ihre Songs gezeigt und ich konnte meinen ersten Aufnahmeversuch gleich in einem professionellen Studio wagen.

Und obwohl ich meiner Meinung nach nicht so überragend war, waren die Jungs voll begeistert und haben mich richtig motiviert. Als ich in den Bus zurück eingestiegen bin, hat einer von ihnen noch gerufen: „Bro this is just the start!“ – das hat sich richtig in mein Gehirn eingebrannt. Ich war selten so happy wie auf der Fahrt zurück. Die beiden haben wirklich sehr gute Musik auf Lager, aber sind mittlerweile leider zerstritten. Allerdings stehe ich noch mit beiden in Kontakt und mindestens einer von ihnen wird auf einem meiner Songs zu hören sein!

Wieso hast du dich für Rap und nicht ein anderes Genre entschieden?

Rap kann alles. Wirklich alles. Gemein sein, zerstören, aber genauso traurig sein, Freude oder Wut ausdrücken und am wichtigsten: Leute zusammenbringen. Die Variabilität von Instrumentals und die darauf aufbauende Vielfalt von möglichen Songs, ganz abhängig von der Künstlerin oder dem Künstler, fasziniert mich. Aber als 2015 der Soundtrack von Dr. Dre zum Film „Straight Outta Compton“ rauskam, habe ich recherchiert und mir den ganzen musikalischen Katalog von N.W.A. und ihrer einzelnen Mitglieder reingezogen. Im Zuge dessen habe ich mich auch erstmals eingehend mit der Geschichte der Schwarzen in Amerika und deren Auswirkungen bis heute beschäftigt und war sehr davon beeindruckt, wie viel gesellschaftliche und auch politische Power und Bedeutung die Worte in den Songs für die Leute damals hatten. Das kann meiner Meinung nach kein anderes Musikgenre von sich behaupten.

Was willst du mit deiner Musik ausdrücken und was macht diese besonders?

Gute Frage. Einen thematischen Kanon gibt’s es bei mir jetzt nicht, aber ich möchte gerne die „New Wave“ des Hip-Hop mit Oldschool verbinden. Das heißt, ich rappe zwar überwiegend auf Trap-Beats, aber nuschle nicht irgendwas vor mich hin, habe keinen Roboter-Autotune-Singsang, sondern versuche wirklich Bars aufs Papier und im Endeffekt ins Mic zu bringen, sehr gerne auch mit Melodie. Dieses Skill-Set, das früher die Essenz des Hiphop war, ist nämlich heutzutage stark verloren gegangen, finde ich. Zumindest werden die “Autotune-Nuschel-Diamantenkette-nur-auf-Gesicht-und-Händen-tätowiert-Künstler” stark von der Industrie gefördert. Verkauft sich besser.

In Deutschland ist es besonders schlimm. Dem will ich durch meinen eigenen Style entgegengehen, beziehungsweise ausweichen. Ein weiteres wichtiges Ziel meiner Musik ist es, Leute zusammenzubringen. In erster Linie Creators, also Künstler:innen, Produzenten, Grafiker. Und zwar über internationale Beziehungen. In meinem Song „Going Global“ rede ich unter anderem darüber. Gerade in der Musik zeigt sich meiner Meinung nach, was für tolle Dinge entstehen können, wenn Menschen aus verschiedensten Winkeln der Welt zusammenarbeiten. Das wird sich auf meinem ersten, sehr bald erscheinenden Tape noch nicht so stark zeigen. Trotzdem sind dort auch ein paar Beats von einem Marokkaner produziert und ich habe vokale Unterstützung von Personen mit brasilianischem, beziehungsweise türkischem Hintergrund.

Ich wurde in den Niederlanden von zwei Surinamern dazu gebracht, das Rappen ernst zu nehmen. Auf künftigen Projekten werden auch noch Featurings aus Gabun und Südafrika zu hören sein, dort habe ich bei meinen Besuchen auch schon Kontakte geknüpft. Und ohne die Hilfe meiner local German-Homies der Rapper Tim alias Tim089 vom Piano Collective, der den Großteil der Beats in meinen Songs produziert, und Nico, der zuständig für Coverart und den Trailer ist, würde das Tape sowieso nicht existieren. Außerdem möchte ich auch ein globales Publikum ansprechen, deswegen bin ich erstmal nur auf Englisch zu hören.

Wo liegt dann der Unterschied zwischen deinen Songs und deren anderer Rappern?

Vorab möchte ich klarstellen, dass ich weiß, dass auch meine Songs verbesserungsfähig sind, deswegen arbeite ich auch konstant an neuem Stuff! Was sie jedoch meiner Meinung nach jetzt schon von denen anderer Artists unterscheidet, sind Wortgewandtheit, Reimvielfalt und das Level an Wortspielen. Vor allem hierzulande hört man bei vielen neuen Künstler:innen kaum mehr klar erkennbare Reimschemen, geschweige denn mehr als zwei inhaltlich zusammengehörende Verse. Das ist jetzt auch nicht unbedingt was Schlechtes – auch ich habe ein paar Songs, die in einer halben Stunde fertig geschrieben waren – aber am Großteil sitze ich dann doch mehrere Tage. Wie schon gesagt, bin ich Fan von Hip-Hop geworden, weil der Inhalt dieser Musik so bedeutungsgeladen sein kann. Und diese „alte Schule“ möchte ich, so gut es geht und modern verpackt, in meinen Songs weiterführen.

Hip-Hop und Rap scheint also ein sehr großer Teil deines Alltags zu sein. Wieso hast du dich an der
Uni dann aber doch für Kulturwissenschaften anstatt Musik entschieden?

Um von Musik leben zu können, braucht man natürlich Durchhaltevermögen, Spaß an der Sache, Talent – wobei letzteres auch immer mehr wegfällt… aber vor allem Glück. Und falls ich dieses Glück nicht haben sollte, brauche ich einen Plan B, beziehungsweise eine Ausbildung, um mir später einen normalen Lebensunterhalt finanzieren zu können. Das wird mit Musik im Studium eher schwierig, denke ich. Und die Kulturen der Menschen interessieren mich schon, seitdem ich sechs oder sieben Jahre alt bin, wohl resultierend aus der Tatsache, dass meine Wurzeln in zwei doch recht unterschiedlichen Kulturen liegen und ich bilingual aufgewachsen bin.

Wie wir auch bereits erfahren haben, ist dir Internationalität in deiner Musik wichtig. Was inspiriert
dich außerdem?

Da gibt’s keine eindeutige Antwort. Ich bin noch im Anfangsstadium des Rapper-Daseins und probiere mich in vielen Sachen aus, die mir Spaß machen. Das geht von melodischen Newschool-Trap-Songs wie „12345“ bis hin zu gesellschaftskritischen und bedeutungsvollen Tracks wie „Contrasts“. Einflüsse dafür sind dementsprechend neue, junge Künstler:innen genauso wie die alten Klassiker wie Tupac, Eminem oder N.W.A. Meine Lieblingskünstler:innen sind Kendrick Lamar und die Flatbush Zombies. Ich habe beide auch schon live gesehen. Solche Erfahrungen motivieren und lassen neue Ideen aufkommen. Mein Ziel ist es jedoch, Label-unabhängig agieren zu können und Leute anzusprechen, die mich und meine Musik verstehen. Dass dies klappen kann, sieht man sehr gut am Beispiel der Flatbush Zombies. Außerdem haben die beiden Künstler:innen Kelvyn Colt und Serious Klein bewiesen, dass man auch als Deutscher mit englischsprachigem Hip-Hop eine Fanbase aufbauen kann. Ihr Erfolg ist meine Motivation, dasselbe und noch mehr zu erreichen.

Du nennst viele Schwarze Artists als deine Lieblingskünstler:innen und Vorbilder. Wie beeinflusst
dein eigenes Schwarzsein deine Musik?

Natürlich ist Hip-Hop ein (nicht ausschließlich) Schwarzes Genre. Das heißt, ich kann mich mit den „Urvätern“ des Hip-Hop und manchen ihrer Probleme identifizieren, da diese Probleme heute immer noch existieren. In manchen Songs greife ich das auch auf und rede darüber. Aber für den Rest beeinflusst das Schwarzsein meine Musik noch nicht so stark. Aber ich denke, das ändert sich, sobald es mir gelingt, meine Wurzeln in meine Musik zu integrieren.

In drei Stichworten: Wie würdest du deine Musik und Songs beschreiben?

Zeitnah, regellos und echt.

In drei Stichworten: Wie würdest du deinen ersten Auftritt vor Publikum beschreiben?

Ich drücke es mal in Emotionen aus: Nervosität, Motivation und Stolz.

Apropos Auftritt: Du warst Teil der BLM-Demo in Landshut. Was hat das in dir ausgelöst?

Zuallererst muss ich ein großes Dankeschön an das Organisations- und Moderationsteam aussprechen, das mich eingeladen hat, Teil der Demo zu sein. Das war mein allererster Auftritt und ich war super nervös. Aber als ich dann auf der Bühne stand und so viele vertraute Gesichter gesehen habe und der Track losging, ist es wie von selbst gegangen.

Auf die eigentliche Demo bezogen ist es sehr erfrischend und schön zu sehen, wie viele Leute sich gegen Rassismus aussprechen und sich für Betroffene einsetzen. Die Erfahrungsberichte der Beteiligten auf der Demo haben mich sehr berührt und mir gezeigt, wie schlimm es auch anderen BIPoC treffen kann, was Rassismus angeht. Ich habe zwar auch schon unschöne Sachen erlebt, die aber eigentlich nie über verbale Attacken und Alltagsrassismus hinausgegangen sind. Es war mir natürlich bewusst, aber zu hören, dass andere hier in Deutschland dazu noch körperlich angegangen wurden, und das schon häufiger, hat mich auf der einen Seite traurig und vor allem sehr wütend gemacht. Aber auf der anderen Seite hat es mich dazu motiviert, meinen eigenen Beitrag zur Demo zu leisten und weiterhin im Alltag und eben durch solche Aktionen aktiv gegen Rassismus vorzugehen.

Was sind deine Hoffnungen für die Zukunft?

Dass die Menschen irgendwann verstehen, dass es nur zusammen und im Miteinander klappt. Auf alles bezogen. Sei es Musik, Politik oder auch Klimaschutz. Dass Ausschluss im Endeffekt nur negative Konsequenzen hat. Und dass wirklich jeder Mensch gleich und seine Würde unantastbar ist. Davon sind wir leider immer noch zu weit entfernt. Ich hoffe auch, dass die Studie zu Racial Profiling der Deutschen Polizei gebilligt und dann korrekt und ohne Zwischenfälle durchgeführt wird. Denn, und da kann mir wahrscheinlich fast jede in Deutschland lebende Schwarze Person zustimmen, obwohl Racial Profiling verboten ist und nach Herrn Seehofer demnach nicht existiert, bekommt man durch manche Gesetzeshüter eine deutliche Benachteiligung gegenüber anderen zu spüren. Und das kann nicht sein. Außerdem hoffe ich ganz generell, dass die Menschen lernen, sich in andere hineinzuversetzen. Empathie ist meiner Meinung nach die Lösung für viele unserer Probleme, beziehungsweise würden viele dieser Probleme nicht existieren, wenn mehr Menschen fähig wären über ihren eigenen Tellerrand zu schauen.

Sehr schöne Worte. Aber nochmal zurück zu deiner Musik. Wie geht es mit deiner Zukunft weiter?
Worauf können wir uns in Zukunft freuen?

Wie ich oben schon gesagt habe, ein eigenes Label und ein globales Publikum. Das impliziert natürlich, dass ich mir damit meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Außerdem möchte ich immer ich selbst bleiben und mich nicht von Trends, möglichen Erfolg oder Ähnlichem verbiegen lassen.

Ich werde mich weiterhin ausprobieren und so viel Musik veröffentlichen, wie es nur geht, bei der Wahrung eines gewissen Qualitätsstandards. Mein erstes Tape ist ja schon fertig und ich arbeite schon an meinem zweiten Projekt, da ist definitiv wieder eine Steigerung bemerkbar, aber das werdet ihr alle in ein paar Monaten hören. Ich will außerdem lernen, Beats selbst zu produzieren. Denn so kann ich meine Ideen völlig ungebremst umsetzen, ohne auf einen anderen Producer angewiesen zu sein. Und Kontakte innerhalb der Musikszene knüpfen, ganz klar. Mit anderen Künstler:innen, die eine ähnliche Vision haben wie ich zusammenarbeiten, da habe ich richtig Bock drauf!

Vor allem aber möchte ich meine südafrikanischen Wurzeln in meine Musik mit einfließen lassen. Ich bin bisher sehr stark von amerikanischer Musik geprägt und habe erst mit 18 angefangen, meine Familie regelmäßig zu besuchen, also ist der musikalische Einfluss aus Südafrika eher gering. Aber ich habe wie gesagt dort schon erste Kontakte geknüpft und bin sicher, dass ich auch dort noch mehr Networking betreiben kann, sobald ich wieder hinfliegen kann. Can’t wait!

Akosua Abrefa-Busia

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