Utopie oder Zukunftsvision? Ein diverser Arbeitsplatz

Utopie oder Zukunftsvision? Ein diverser Arbeitsplatz

Datum06.05.2023

AutorJennifer Aghedo

Mit dem Ende des Studiums beginnt der berühmte neue Lebensabschnitt, in dem man sofort wissen soll, wie alles im Arbeitsleben läuft und wo man letztendlich hin möchte.

Alles beginnt mit einem Praktikum. In der Vorbereitung haben Bi_PoC neben den normalen Sorgen von „Reichen meine Kenntnisse überhaupt für ein Praktikum?“ über „Bin ich dem Druck gewachsen?“ auch noch andere Sorgen, die sich nicht so einfach mit einem perfekten Lebenslauf und gefaketem Selbstbewusstsein überspielen lassen. Sorgen, die gerechtfertigt und nicht so leicht zu beheben sind. Der Einstieg ins Berufsleben ist für alle mühsam und nervenaufreibend, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Unterbezahlte Praktika und Aufgaben, die nicht die erhoffte berufliche Erfüllung bringen – als praxisunerfahrene*r Student*in landet man mehr oder weniger auf dem harten Boden der Tatsachen. Als Bi_PoC beschäftigt man sich allerdings bei jeder Absage zusätzlich noch mit der Frage, ob diese nur wegen dem eigenen Aussehen oder Nachnamen kam. Schon bei der Bewerbung muss man sich überlegen, ob man den Lebenslauf mit Bild oder sicherheitshalber ohne Bild verschickt. In manchen Ländern sind Lebensläufe ohne Foto bereits Norm und in den USA wird man beispielsweise aus dem Bewerbungsprozess ausgeschlossen, wenn man trotzdem ein Bild schickt. Der Hintergedanke ist dabei, es den Arbeitgeber*innen nicht zu ermöglichen, schon basierend auf dem äußeren Erscheinungsbild eine Absage zu erteilen. Bei einer hart erkämpften Zusage hören die Sorgen als Bi_PoC allerdings nicht auf, sie schreiten auf eine neue Ebene vor. Eine Ebene gefüllt von möglichen rassistischen Kommentaren (und sexistischen, sollte man kein Mann sein).

„Es tut mir so leid, weil ich weiß, dass es für dich noch so viel schlimmer wird.“

Im Gespräch mit einer Bekannten ist dieser Satz gefallen, woraufhin mein Bedürfnis nach mehr Informationen geweckt war. Rassistische und sexistische Kommentare beispielsweise wie „Wie stehen Sie denn zur Flüchtlingskrise?“ oder „Sie können hier ruhig mit den Männern reden, Sie sind hier ja in der Arbeit.“ gehören vor allem für weiblich gelesene Bi_PoC zum Arbeitsalltag. Implizierend, dass kulturelle Unterschiede Frauen davon abhalten, im Arbeitsumfeld mit ihren männlichen Kollegen zu kommunizieren. Als Frau wird man oftmals in allen Lebensbereichen und vor allem in der Wirtschaft Opfer von Intersektionalität in Form von Sexismus und Rassismus. Intersektionalität beschreibt eine vielseitige Form der Diskriminierung, die nicht nur aus beispielsweise Rassismus besteht, sondern wie in diesem Fall auch noch Sexismus beinhaltet. Dieser äußert sich dabei in kontinuierlicher Unterschätzung der fachlichen Kompetenzen, einer aufdringlichen Bevormundung und der Zuteilung von unterfordernden Aufgaben. Weiblich gelesene Bi_PoC FLINTA* sind zusätzlich oft einer Fetischisierung und Sexualisierung ihrer männlichen Kollegen ausgesetzt. Männer fühlen sich unter anderem aufgrund der vermeintlichen kulturellen Unterschiede schnell in eine Machtposition versetzt, die sexuelle Belästigung in Form von Annäherungen und Kommentaren zu legitimieren scheint. Bei dem Versuch, diese anzusprechen und zu verarbeiten, wird man vor allem als Praktikant*in oder Berufseinsteiger*in mit dem Bedürfnis konfrontiert, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Aber auch als Festangestellte*r wird das Benennen von rassistischen Kommentaren als gefährdend für die berufliche Zukunft wahrgenommen, da viele Gehälter und Beförderungen mittlerweile an das Verhalten und die Leistung der Person geknüpft sind. Je mehr man sich also dem sich ausgesetzten Rassismus fügt und das Verhalten anpasst und je erfolgreicher und schneller die Fortschritte im Arbeitsumfeld erreicht werden (z.B. Verkaufszahlen), desto höher sind die Chancen auf eine Beförderung und somit auch auf ein höheres Gehalt. Dieses Dilemma erschwert es Bi_PoC, sich vollkommen mit den eigenen Erfahrungen auseinanderzusetzen, was zu einer psychischen Belastung führen kann. Eine Studie aus dem Jahr 2020 von EY und ,Gesicht zeigen‘ zu dem Thema „Rassismus im Kontext von Wirtschaft und Arbeit“ bestätigt diesen Konflikt. 81% der Befragten befürchten keinen beruflichen Nachteil beim Einsatz gegen Rassismus, wobei hier alle Beschäftigten betrachtet werden. Gleichzeitig wünschen sich fast 45% keinen offenen Austausch über Rassismus an ihrem Arbeitsplatz. Es kommt daher nicht selten vor, dass weiße Kollegen*innen einem*einer Bi_PoC- Kollegen*in von einer Meldung beim Betriebsrat oder einem Zuständigen abraten, um „Drama“ zu vermeiden. Dazu kommen Kommentare wie, “Man könne sich schon vorstellen, dass eine Frau mit diesem kulturellen Hintergrund empfindlicher auf unerwünschte Annäherungsversuche reagiert”. Dies wirkt einschüchternd und bewirkt, dass die eigene Reaktion und Emotionen von der betroffenen Person hinterfragt werden. Die Verharmlosung von rassistischen und sexistischen Vorfällen kann Hilflosigkeit und Frustration auslösen, die in keinem Fall FLINTA* helfen, mental rassistische und sexistische Erfahrungen zu verarbeiten.

Der Schein eines diversen Arbeitsplatzes

Von diesen Vorfällen ist in der ein oder anderen Ausprägung jede Branche betroffen, allerdings besteht die „klassische“ Wirtschaft in Deutschland immer noch hauptsächlich aus weißen, privilegierten Menschen. Weniger Diversität und Kontakt mit Diskriminierten im Alltag führt hier zu einem unsensiblen Umgang mit Bi_PoC- Kollegen*innen. Jüngere Unternehmen haben den Vorteil, strukturellen Rassismus noch nicht komplett in ihrer Unternehmenskultur gefestigt zu haben. Außerdem bestehen sie oft aus jüngerem Personal, welches sich im besten Fall schon mit einer Rassismus- und Sexismus- Thematik auseinandergesetzt hat. Allerdings muss auch hier aktive Aufklärungsarbeit betrieben werden, um das Bewusstsein aufrechtzuerhalten und weiterzubilden. Die Studie von ,Gesicht zeigen‘ und EY weist ebenfalls eine Nachfrage der Arbeitnehmer*innen nach rassismuskritischen Fortbildungen in Firmen nach. Ein weiteres Zeichen sind unternehmensinterne Kampagnen gegen Rassismus, dadurch wird Personen, die Rassismus ausüben, vermittelt, dass hierfür keine Toleranz besteht. Allerdings sind diese Angebote meistens freiwillig und haben mehr mit Imagearbeit zu tun, als dass sie einen realen und nachhaltigen Effekt hätten. Einen langfristigen Einfluss auf die Diversität eines Unternehmens können Quoten haben. Durch den anfänglichen Zwang, mehr auf eine ausgeglichene Einstellung von Männern und Frauen bzw. von weißen und Bi_PoC zu achten, verändert sich das Personalbild und ein diverser Arbeitsplatz wird normalisiert.

Die Zukunftsvision eines diversen Arbeitsplatzes

Felwine Sarr beschreibt in seinem Buch „Afrotopia“ ein Wirtschaftssystem, das in die Kultur eingebettet ist und nicht andersherum. Ein Arbeitsplatz, der sich an den kulturellen Werten und Vorstellungen einer Gesellschaft orientiert und von den unterschiedlichen Kulturen profitiert – quasi the best of both/ all worlds. Die Hilfsbereitschaft und Gemeinschaft, die in anderen Kulturen viel bedeutender ist als in der deutschen, könnten den Arbeitsplatz zu einem produktiveren und angenehmeren Umfeld machen. Ein Ort, an dem man nicht mehr hervorsticht oder anders behandelt wird aufgrund seines Aussehens oder seines Geschlechts. Man fühlt sich nicht einsam aufgrund der eigenen Identität, sondern passt perfekt in das diverse Bild des Teams. Allen werden dieselben Möglichkeiten geboten, sich zu entfalten. Ob Utopie oder Zukunftsvision wird sich zeigen und bis dahin ist Distanz und sachliche Vorbereitung auf mögliche rassistische und sexistische Kommentare angesagt. Mit dem Einstieg in die Arbeitswelt ändert sich nicht nur für die Person selbst der gesamte Alltag, sondern man setzt sich Situationen und Menschen aus, denen man zuvor im eigenen Umfeld womöglich noch nicht begegnet ist. Mit meinem eigenen Einstieg in die Arbeitswelt und den damit verbundenen Ängsten und der Angespanntheit versuche ich mir jedoch weiterhin vor Augen zu halten, dass ich nicht alleine bin.

Autorin: Jennifer Aghedo, Titelfoto: privat

Der Begriff FLINTA* steht für Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen. Weiblich gelesene Person meint Menschen, die von der Gesellschaft als weibliche Person wahrgenommen werden.


Zielscheibe Kopftuch

Zielscheibe Kopftuch

Datum21. Dez. 2022

AutorMaiyra Chaudhry

Kein Kleidungsstück auf dieser Welt sorgt für solch hitzige Debatten, wie das Kopftuch. Es  handelt sich nicht nur um ein Stück Stoff – für Hijabis charakterisiert er die enorme  Gebundenheit und Liebe zur Religion, Schutz und Selbstbestimmtheit. Wäre es nicht  traumhaft, ein Kopftuch zu tragen ohne jegliche abwertende Blicke, rassistische Übergriffe  und Beleidigungen von intoleranten Menschen zu erhalten? Leider nicht möglich – denn die hiesige Gesellschaft ist im 21. Jahrhundert immer noch nicht so weit, muslimische  Frauen mit einem Kopftuch zu akzeptieren. Dass wir in einer rassistischen Gesellschaft  leben, wurde nun auch empirisch bewiesen: 22 Prozent der Befragten geben an, selbst  schon von Rassismus betroffen gewesen zu sein. Das geht aus der Auftaktstudie zum  neuen Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa) des Deutschen  Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) hervor.

Ein Kampf der Kulturen, der nicht nur im Alltag unter der Bevölkerung ausgetragen wird, sondern auch ständig hohe Wellen in den Medien schlägt.

So scheiterte bereits die Pro Kopftuch-Kampagne des Europarates (im November letzten Jahres) „Beauty is in diversity as freedom is in hijab“. Die Online-Kampagne war nur wenige Stunden im Internet zu sehen, da in Frankreich schon das Feuer loderte und die Kampagne zurückgezogen wurde. Das wars dann wohl mit dem Vorhaben der Förderung von Vielfalt und der Bekämpfung von Hass und Hetze. Tweets wie „Mein Kopftuch, meine Freiheit“ wurden mit sofortiger Wirkung gelöscht. Ja, denn die Macht der Medien ist nicht zu unterschätzen und natürlich könnten sich diese Aktionen positiv auf das gesellschaftliche Zusammenleben mit und für Hijabis auswirken. Wer sollte dann zur neuen Zielscheibe werden, wenn dieser Ansatz einen minimalen  Erfolg erlangen würde und muslimische Kopftuchträgerinnen schlagartig Akzeptanz  erhalten? Die mediale Online-Kampagne wurde leider gestoppt und konnte nicht ihr gewünschtes,  gesellschaftsförderndes Ziel erreichen. Dass die marginalisierte Gruppe der Kopftuchträgerinnen immer wieder zur Angriffsfläche erklärt wird, ist allen bekannt. Dieser Disput ist insbesondere auf ein grandioses Versagen der massenmedialen Berichterstattung zurückzuführen. Ein persönlicher Austausch und interkultureller Dialog mit Muslimas ist eine Seltenheit, da die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in einem hohen Maße mit Gewalt- und Konfliktthemen durch die Massenmedien in Verbindung  gebracht wird. Die Bedeutung der Massenmedien, hat für den gesellschaftlichen Diskurs über Muslimas eine elementare Bedeutung. Die Darstellungen symbolischer, bildhafter oder textueller Art, die überwiegend einen negativen Beigeschmack hat, trägt dazu bei,  innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen einen Nährboden für islamische Feindbilder zu bieten. Die Bevölkerungsmehrheit meidet die bewusste Begegnung zu Muslimas und  meint aber zu wissen, dass die Rolle der Frau im Islam eine unterdrückte und sie ein typisches Opfer einer patriarchalischen, islamischen Gesellschaft sei – ein gewöhnlicher  Stereotyp, der sich bei den Menschen verankert hat. Wissenschaftliche Befunde aus der  Frauenmedienforschung beweisen (Schiffer, 1994; ZIF, 2002; Farrokhzad, 2006), dass  muslimische Frauen auf ihr Kopftuch reduziert werden. Der Schleier fungiert hierbei als  Symbol einer unterdrückten Frau, die wiederum durch ihre Religion gefesselt wird. Eine  undifferenzierte Darstellung muslimischer Frauen ist ebenso zu kennzeichnen, kaum  werden sie in Rollen einer emanzipierten und erfolgreichen Frau präsentiert. Eher erfolgt  eine stereotypische Zuordnung als Opfer, Fanatikerin, Fundamentalistin oder Migrantin.

Müssen wir uns bei solch einer negativen Darstellung in den Massenmedien noch wundern, woher die vorurteilsbehafteten Vorstellungen der Mitbürger*innen kommen?

Gegenüber Kopftuchträgerinnen ist eine klare diskriminierende Haltung seitens der Medienmacher*innen zu erkennen. Die Ironie der ganzen Aufbereitung: Wenn über muslimische Frauen berichtet wird, dann werden sie hauptsächlich von Nicht-Muslim*innen bewertet – und das natürlich auf einem hohen abwertenden Niveau. Wie wäre es, Muslimas nicht bloß als passives Objekt zu präsentieren, um die überkommenen Stereotype zu  überwinden? Ein möglicher Ansatz der Überwindung wäre, Fremdgruppen in Deutschland, wie auch Muslimas, in die öffentlichen Mediensysteme mit einzubinden und somit ein ausgewogenes und facettenreiches Islambild zu konstruieren, das vorhandene  Stereotypen aushebelt.

 

Autor*in: Maiyra Chaudhry

 

Quelle:  https://www.rassismusmonitor.de/fileadmin/user_upload/NaDiRa/ CATI_Studie_Rassistische_Realitäten/DeZIM-Rassismusmonitor-Studie_Rassistische Realitäten_Wie-setzt-sich-Deutschland-mit-Rassismus-auseinander.pdf


Goodbye querida Gladys

Goodbye querida Gladys

Datum8. Dez. 2022

AutorValeria Bajaña Bilbao

Gladys was her name, she was my auntie. She was one of my grandmother’s older sisters, but I always called her „tia“. Up until the moment my family and I moved to Germany, she had been a reliable fixture in every important event in our lives. Whatever the event was, whether a birthday party or graduation, it was always my tia and my abuelita together, our dynamic duo. The mala lenguas*  had a lot to say about her life and her lack of a husband, but in my eyes, she was the first woman that taught me that it is okay to be alone. She was living proof that you can exist without a man on your side. However, the other family members did not see her as the independent and defiant person she was. My abuelita often felt the urge to take care of her and would often invite Gladys to spend the holidays with her family on the coast. As the only spouse-less person during those days of blissful summer at the beach, she had to sleep with us in the small children’s room. Up in one of the bunk beds, she used to snore louder than a stuffy-nosed pug. My brother and I were more than happy to spend time with her. However, we dreaded the nights, and our sleep was often disturbed by nightmares her snoring caused.

As I became older, an ocean apart from my life in Quito and my auntie’s presence, Gladys and I began to drift apart.

The last time I saw her was at a feast at my grandparents‘ house. My brother and I were visiting our family in Ecuador, and it had been a long night of wearing uncomfortable high-heeled shoes. As I tried to find a place to rest, the party guests rotated towards the table, where my grandmother had served a buffet of her best dishes. That diverse collection of relatives had been my abuelita’s idea. A celebration of our „return“ where we could meet and greet everyone in one go. My great-aunt was sitting alone in the living room with a glass of wine in her left hand. She sat on her own, as always, only her regular cigarette missing in her right hand. I decided to sit next to her.

„Hola mija, sit! Come sit here“ she kindly padded the space of the couch on her right and waved me towards her. As I took my place, I squeezed her shoulder affectionately. She grabbed my hand between her long, strong fingers. „How is everything going with your degree?“ she asked impertinently. I wanted to answer, but she did not let me get a word in.

„You know, you should always concentrate on your studies. That is so important! See, you don’t want to end up like some young girls here, pregnant and with no prospects.“ The right end of her upper lips quivered in disapproval. I tried not to roll my eyes, as I already knew what she was about to tell me. Instead, I politely feigned interest while chewing my food.
„You know, like your cousin Anna. That poor girl! Pregnant! She is going to be a mother, and now she must drop out of college“. She did not bother lowering her voice but quickly looked over her shoulder to check if anyone was listening.
„I don’t want you to end up like that, mija!” She continued after taking a sip of her wine. „You are so intelligent, and look at what you have accomplished — living in Germany and all of that! I am just saying, as your tia, please be careful! You have such a bright future ahead of you. Focus on that y no metas la pata (and don’t mess up)!“ I will never forget her rough voice from years of smoking—the smell of her perfume and the urgency of her warning. Sitting with her wine and gossip, she felt far away from the version I had of her in my head. Still, I wanted to believe that she would not have turned me into the family’s gossip if it would have been me and not Anna, who had dropped out of college because of a pregnancy. Maybe Gladys was only trash-talking my cousin because of the bad blood between her and Anna’s mother. Maybe it was not gossip but she was truly worried about my future. I wanted to believe that she loved me and would support me no matter what. But the doubts crept in, and I could not help but imagine hearing Glady’s voice, turning one of my mishappenings into gossip.
As the years passed, I reduced the contact to my tia. Now and then, I would send „kind greetings“ to her through my mother. Two years after that encounter, to distance myself from that toxic tradition of gossiping about women and their mistakes, I stopped telling Gladys and others in the extended family details of my life. There was already enough information for people to talk about without me funneling the flames. I had been bold enough to bring three different boyfriends from Germany to meet my family, which could only mean I was no longer a virgin. I had already lived with two of the said boyfriends, which could only imply I was a „loose“ woman and was going to end up in hell. Plus, everyone was already keeping tabs on whether my brother and I would finish our college degrees. All in all, it seemed best to stay far away from the drama so as not to test my tia’s loyalty.
Until a year ago, when she was diagnosed with cancer, and a sense of regret replaced anything else I had felt or thought. The only miracle left to hope for was that she would live long enough for me to say goodbye to her. But she did not. My mother was able to secure a plane ticket to be by her side before she passed. Amidst all the sadness, anger, and shame, the only thing that helped was trying to recall what she looked like back then on those long and sunny days by the sea. My mother sent me some pictures she still had of her — one of them, a recent one of her, wearing sunglasses and a big hat. The left side of her lip was slightly crooked while she smiled into the camera. I have the same crooked lip, and as I tried to memorize her smile, I finally realized what we shared was more important than what had kept us apart. I loved her, and sadly I can only hope that despite everything, she knew that.

Today I like recalling details about her to keep her memory alive. I try to remember, putting all regret aside, as I often saw her back then: leaning on the apartment’s veranda where we spent the summers together. Her smoking had always added a rebellious touch to her aura. The way her hugs felt when I was a child, the image of her singing with the earnest demeanor at church with her choir are the things I choose to keep. The rest is gone. As I watch her pictures, I realize that, like me, she was not very photogenic, and I am glad to have one more thing about her to love.

author: Valeria Bajaña Bilbao
illustrations: Stephanie Goldenbaum

Side note: My cousins real name is different but I used the pseudonym Anna to keep her privacy.

*best translated with ‚gossipping tongues‘


Buchrezension zu 'Antifa Gençlik'

Die Masse an antirassistischen und antikapitalistischen Widerstandskämpfen wird aus der Geschichte radiert. Das Buch Antifa Gençlik hält eine dieser Widerstandbewegungen fest und regt zu Debatten zu antifaschistischem Widerstand, migrantischer Selbstorganisation, linken Bündnissen und antirassistischer Politik an.

(Bildquelle: ©Unrast Verlag)

1988 begannen Nazis in Westberliner Stadtteilen ganz offen und unverschämt Migrant*innen anzugreifen. Dagegen gründete sich Antifaşist Gençlik, deutsch: Antifaschistische Jugend. Die Antifa Gençlik wurde an der Schnittstelle migrantischer Vereinskultur, Jugendbanden des Kiez’ und autonomer antifaschistischer Politik gegründet. 

Bald bildeten sich Antifa-Gençlik-Gruppen in mehreren deutschen Städten und darüber hinaus. »Antifaşist Haber Bülteni«, die Zeitschrift der Gençlik, ließ die Mitglieder der Jugendgangs selbst zu Wort kommen, um ihre Sicht der Dinge zu erklären. Gençlik gab den jungen Menschen eine Stimme, eine gemeinsame Plattform und setzte damit Maßstäbe. 

Bei einer militanten Aktion, bei der das Ziel war, Staßen und U-Bahnen nazifrei zu machen, wurde 1992 ein Nazi tödlich verletzt, woraufhin fünf Mitglieder von Antifaşist Gençlik verhaftet und angeklagt wurden. Die Gruppe konnte dem polizeilichen Druck nicht standhalten und stellte ihre Arbeit ein. Mitte der 1990er Jahre lösten sich die Strukturen als Folge staatlicher Repression auf. 

Bis heute stellt die Antifa Gençlik einen einzigartigen Organisationsansatz im Kontext autonomer und antifaschistischer Politik in Deutschland dar. Durch ihre Arbeit konnten sie viele Migrant*innen aus ärmeren Vierteln mobilisieren. Antifa Gençlik hat im Nachhinein jedoch bereut, diesen Menschen keine sozialen Perspektiven aufgezeigt zu haben. Daraus können wir lernen, unseren Kampf gegen Rassismus eng mit der sozialen Frage zu verknüpfen, weshalb Kapitalismuskritik unausweichlich ist.

Durch das Einlesen in bereits vorherrschende Strukturen können wir viel lernen, über revolutionäre Momente in der Geschichte und über Befreiung. Unsere Kämpfe lassen sich in ein Kontinuum generationenübergreifender Kämpfe einordnen.   

Das Buch Antifa Gençlik wurde verfasst von ak wantok. Der ak wantok ist eine Gruppe von zwei Frauen und einem Mann, die seit über 15 Jahren in der autonomen Bewegung engagiert sind. (Quelle: Unrast Verlag)
https://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/antifa-genclik-detail


Interview mit dem Künstler Cellz

„Dream On" ist eine EP von dem deutsch-südafrikanischen Künstler Cellz und dem Interpreten, Beatmaker und Toningenieur Blue Glass aus Antigua. Die beiden beschreiben ihre Musik als ,,hypnotic downtempo RnB grooves with soulful voices", die sich im Alternative RnB und Neo-Soul einordnen ließe. Die Klänge des Künstlerduos erwecken das Gefühl des Zeitreisens. Zwischen den Dimensionen sieht man Utopien und Dystopien an einem vorbeiziehen.

Die Stücke sind von sanften Saxophon Soli, analogen Polysynthesizern und einschlägigen Bass-Riffs geprägt. Beide Künstler erscheinen als Sänger und ermutigen mit ihren Texten, trotz der Schwere des Lebens, weiterzumachen. Als Session-Musikerinnen haben Laila Mahmud(Qanun), Ruth Mogrovejo (Viola) und Anna-Lena Schmidtpeter (Backing-Vocals) zu der EP beigetragen. 

Auf dem Dachgarten-Museum Heaven 7 des mehrfach ausgezeichneten Aktionskünstlers FLATZhaben Kwami Tendar und Marcel Du Plessis-Zoetl, mit der Schauspielerin Nadja Sabersky einen EP-Film gedreht. Das Musikvideo erscheint auf YouTube und die EP ist auf allen Streaming-Portalen zu hören. Im Interview mit of Color erzählt er von seiner musikalischen Laufbahn. 

Was machst du beruflich?

Aktuell würde ich mich als Freelance Eventmanager bezeichnen, ich mache gerade ein Praktikum bei einem kleinen Label. Im Rahmen des Praktikums sowie in der Vergangenheit konnte ich bereits Erfahrungen als Musical Workshop Leader machen. Was das Studieren angeht habe ich bereits einen Bachelor in Management und Technology und möchte nochmal einen Master im Bereich des Musikmanagements machen. Dass ich mich beruflich in der Musikindustrie verwirklichen könnte, wurde mir erst während meines Bachelors klar.

Wie hat deine musische Laufbahn begonnen?

2018 bin ich dem Hip-Hop Kollektiv D!aspora aus München beigetreten. Das ist eine neunköpfige Gruppe bestehend aus Produzenten, DJ, MCs und Instrumentalisten, die sich thematisch insbesondere der Inklusion und der Diversität widmen. Hieraus entstanden mehrere Kollaborationen, die mir das Vertrauen gaben, als Interpret und Songwriter tätig zu werden.

Wie kam es zu den ersten Aufnahmen deiner Musik?

Die ersten Aufnahmen machte ich für D!aspora - “Chaos im Kopf” EP als Saxophonist. In der selben Zeit kamen die beiden Produzenten Glastpype und Charas Lounge, die damals auch bei D!aspora waren, auf mich zu. Sie gaben mir Beats, versorgten mich mit Soft- und und Hardware und sagten, ich sollte doch mal was aufnehmen.

Auf welche Aufnahmen bist du besonders stolz?

Ehrlich gesagt immer auf die Sachen, die noch nicht veröffentlicht wurden. Man entwickelt sich ja stetig weiter und blickt daher etwas kritisch auf vergangene Aufnahmen. Wenn ich eine spezifische Aufnahme nennen müsste, wäre das die von Cruel Fools von der EP “The System”. Ich hatte damals noch nie eine Livesession-Aufnahme gemacht, also mit allen Musikern zeitgleich in einem Raum. Wir haben stundenlang recorded bis wir einen Take hatten mit dem wir zufrieden waren. Das war eine sehr schöne Erfahrung. Grüße und ein dickes Danke an die Beteiligten Olof-Petter Häggström (Drums), Wilbert Pepper (Kontrabass), und Camillo Wildenauer (Gitarre). The Bonzo Session hat auch super viel Spaß gemacht, da ich dort die Lyrics und Melodien der Toplines sozusagen on the spot liefern musste und wir das Ganze in the making aufgenommen haben. Deshalb auch das „Session“ im Titel. Außerdem war das Ganze mit einer Reise nach Berlin verbunden, was zu dem Zeitpunkt sehr aufregend war, weil wir einen langen Lockdown hinter uns hatten.

Deine Musik lässt sich im Hip-Hop, Jazz, RnB & Soul und House verordnen. In welchem Genre fühlst du dich am wohlsten?

Inzwischen fühle ich mich im RnB & Soul am wohlsten. Das liegt wohl daran, dass sich darin viele Elemente aus dem Hip-Hop, Jazz und Blues wiederfinden, es jedoch auch sehr modern klingt. Die Grenzen dieser Genres sind sowieso sehr fließend. Ich kann dort meine Stärken wie den Gesang und das Saxofon, sowie das Schreiben eingängiger Hooklines gut vereinen. Außerdem kann man darin, wie ich finde, eine gewisse Komplexität eingängig klingen lassen.

Worin unterscheidet sich der Solokünstler Cellz von dem Bandmitglied?

Wie vorhin erwähnt, gäbe es den Solointerpret Cellz ohne das Bandmitglied überhaupt nicht. In der Band habe ich so gut wie alles gelernt was ich heute beherrsche. Das wöchentliche Musizieren mit vielen erfahrenen Musikern beschleunigte meine musische Entwicklung ungemein. Das ist nach wie vor noch so. Meine Bandkollegen ermutigten mich auch dazu, den Weg als Solokünstler zu gehen. Ihnen verdanke ich sehr viel!

Von wem oder was ist deine Musik inspiriert?

Als Kind und Jugendlicher hörte ich sehr gerne Musik von zum Beispiel Michael Jackson, Eminem, 50 Cent, Usher, Rihanna, P!nk und Justin Timberlake. Die Alben “Bad” und “Thriller” produziert von Quincy Jones waren sehr wichtig für mich. Ich war zwar im Gymnasium in der Jazz Band, aber eine Passion für Jazz und Blues habe ich ehrlich gesagt erst in den vergangenen Jahren entwickelt. Heute beschäftige ich mich gerne mit Künstlern wie Christian Scott aTunde Adjuah & Ray Charles.

Thematisch hat mich meine zweite Heimat Südafrika, die Heimat meiner Mutter und ihre sozialpolitische Vergangenheit sehr geprägt. Wie die Gesellschaft so gespalten und tyrannisch sein kann, wie damals in der Apartheid, ist oft Thema meiner Titel. Als lokale Inspiration der Gegenwart würde ich gerne den Performance Künstler Flatz nennen. Ich durfte ihn dieses Jahr näher kennen lernen und auf seinem Dachgarten-Museum Heaven 7, mein bald erscheinendes Music Video Dream On drehen. Es ist unglaublich inspirierend, wie er für die Kunst und Kultur lebt. Dieses Jahr hat er die weitreichende Aktion “So Nicht Herr Brunner” gestartet. Er setzt sich mit viel Leidenschaft und dem Einsatz eigener Ressourcen gegen die Gentrifizierung und für den Erhalt des Kulturraums ein.

Wie hat deine Mutter deine Musik inspiriert?

Meine Mutter ist eine Kämpfernatur und personifiziert für mich Empowerment, Entrepreneurship, Selbstvertrauen, Ästhetik und so vieles mehr. Diese Werte versuche ich auch in meiner Musik zu vermitteln. Außerdem ist sie so unglaublich gut vernetzt und versteht es, die Leute auf ihre Seite zu bringen. Ich habe jahrelang für sie - beziehungsweise mit ihr - in der Gastronomie gearbeitet und durfte viel lernen. Sie ist und bleibt ein Idol für mich und prägt mich in meinem Schaffen.

Was willst du mit deiner Musik vermitteln und was hebt dich von anderen ab?

Ich versuche mit meiner Musik zu inklusiven, reflektierten und nachhaltigen Gedanken und Handlungen anzuregen. Ich denke, ich verstehe mich sehr gut darin gewisse Strukturen in der Musik und der Musikindustrie schnell zu erfassen und mir zu eigen zu machen.

Wie beeinflusst dein Schwarzsein/Bi_PoC-sein deine Musik?

Wie jede*r Bi_PoC sicherlich bestätigen kann, beeinflusst das Schwarzsein jeden Aspekt des Lebens. Die Erfahrungen, die man damit macht, sind fest in der Identität eines jeden Bi_PoC’s verankert. Meine Musik ist auch eine Verarbeitung von Ängsten und Hoffnungen, die damit verbunden sind. Nicht nur möchte ich damit anderen marginalisierten Personen eine Botschaft senden, es ist auch eine Art Selbsttherapie.

Du machst Musik mit Künstler*innen aus der ganzen Welt, was konntest du dadurch lernen?

Musik ist tatsächlich eine universelle Sprache. Sie verbindet ungemein schnell und intensiv. Einen Song zusammen zu machen, vermittelt einem das Gefühl, dass man schon seit Jahren befreundet ist. Auch wenn man sich nur digital kennen lernen darf, wie das bei Depart aus Istanbul, Blue Glass aus Antigua oder Fatbabs aus Dinan war, ist das der Fall. Jeder Künstler, mit dem ich zusammengearbeitet habe, hat andere Seiten in mir hervorgerufen und mir enorm viel beigebracht. Bringt man Diversität in seine Kollaborationen, erweckt man auch die Vielschichtigkeit in einem Selbst.

In drei Stichworten: Wie würdest du deine Musik bzw. Songs beschreiben?

Mellow, groovy und catchy.

Was war deine schönste Bühnenerfahrung?

Die ersten Male waren bereits im Chor der Grundschule als erste Sopran Stimme, wenn ich mich richtig erinnere. Dort war ich, denke ich, noch ziemlich verunsichert. Meine schönste Bühnenerfahrung war letztens auf dem “KunstImQuadrat” in München. Irgendwie war dieser Auftritt sehr besonders für mich. Danke an alle die da waren und mich unterstützt haben!

Und was sind deine nächsten musikalischen Schritte? Worauf dürfen wir uns in Zukunft freuen?

Am 14. Januar erscheint die Single Dream On – Cellz x Blue Glass zur gleichnamigen EP, welche vier Wochen später erscheint. Es ist ein hypnotic downtempo RnB Projekt welches das Ganze nochmal auf das nächste Level heben wird. Ich bin sehr gespannt, wie dieser Release in der Community ankommen wird. Es ist auch eine Frage der Vermarktung, jedoch bin ich guter Dinge, da wir zusammen mit Kwami Tendar ein sehr bewegendes Music Video veröffentlichen werden.

Auf welches Talent, dass nichts mit Musik zu tun hat, bist du am meisten stolz?

Stolz wäre übertrieben, aber ich schlag mich ganz gut in Ball- und Schlägersportarten wie Spikeball, Squash und Tischtennis. Das macht mir super viel Spaß!

Was sind deine Hoffnungen für die Zukunft?

Liebe & Gesundheit für alle Bewohner dieser Erde!


Interview mit teacherofcolor__

 

Unter teacherofcolor__ teilt eine Lehrerin aus Berlin anonym ihre Gedanken, Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten für eine diskriminierungskritische Schule. Im Kurzinterview beantwortet sie uns, wie es zu ihrer Instagramseite kam, was für sie diskriminierungskritische Schule bedeutet und was sie sich von angehenden Lehrer:innen wünscht.

Das vergangene Jahr war besonders für viele BIPoC ein sehr turbulentes Jahr, aber auch ein Jahr der Veränderung. Bei einem Post auf Instagram schreibst du: „2020 war das letzte Jahr, in dem wir Schweigen akzeptierten“ - Wie ist dieses Statement entstanden? 

2020 war für viele BIPoC ein drastischer Einschnitt. Unter anderem hat der rassistische Anschlag in Hanau uns gezeigt, dass wir uns nicht sicher fühlen können und dass wir genau deshalb noch lauter sein müssen. Besonders erinnere ich mich an den Moment, als Serpil Temiz Unvar nach dem Anschlag vor die Presse trat und sagte, dass ihr Sohn nicht umsonst gestorben sein soll, dass sich mit Blick auf die Zukunft anderer Jugendlicher etwas verändern muss. In dem Moment ist etwas in mir geplatzt... Ich glaube, dass viele von uns auch Konsequenzen für ihr Privatleben gezogen haben, dass sich Freundschaften und Beziehungen verändert oder aufgelöst haben. Auch wenn ich auf Instagram mehr über meinen beruflichen Alltag berichte, gilt für mich ebenso: Das Private ist politisch, und wir sollten auf keiner Ebene mehr schweigen.

Wie nimmst du deinen Alltag als PoC-Lehrerin war?

Mir geben vor allem meine Schüler:innen viel Energie und ich glaube, dass wir uns gegenseitig stärken, um durch den Schulalltag zu kommen. Als Vertrauenslehrerin führe ich häufig Gespräche und ich hoffe, dass meine Schüler:innen wissen, dass ich sie immer supporte, wenn es mir möglich ist. Insgesamt habe ich aber das Gefühl, dass mir sichere Räume fehlen und ich auch wenig Solidarität von meinen Kolleg:innen erfahre, wenn es darum geht, sich gegen verfestigte Strukturen und Diskriminierung/Rassismus auf unterschiedlichen Ebenen zu wehren. Oft fühle ich mich in diesem Kampf ziemlich alleine. Dazu kommen dann auch noch der unkritische Umgang von Lehrkräften mit Unterrichtsmaterialien und die tägliche Reproduktion von Diskriminierungsformen, die leider an Schule Alltag sind. Mir scheint es, als würde Veränderung hier nicht wirklich angestrebt werden wollen. 

Du hast dich im Oktober 2020 dann dafür entschlossen, eine Instagramseite zu starten, dort über diskriminierungskritische Schule zu schreiben und deine eigenen Erfahrunge als PoC-Lehrerin zu teilen. Was waren die Gründe dafür und was hoffst du zu bewirken?

Ich habe lange Ungerechtigkeiten gegenüber BIPoC Schüler:innen beobachtet und mich oft hilflos gefühlt. Insbesondere die bestehenden Machtverhältnisse und die Diskriminierung auf institutioneller Ebene machen den Schulalltag für mich als Lehrer:in of Color teilweise sehr schwer. Ich weiß, wie sehr auch meine Schüler:innen unter diesem System leiden und wollte daher einen Raum öffnen, um  Missstände aufzuzeigen und mich im besten Fall mit anderen BIPoC Kolleg:innen zu vernetzen, denn nur gemeinsam können wir Veränderung schaffen.

Einer deiner letzten Posts beschäftigt sich mit Anonymität und Aktivismus. Was denkst du sind die Gründe dafür, dass es noch nicht so leicht möglich ist, Rassismus in der Schule und Bildungsinstitutionen gerade als Lehrkraft anzusprechen?

Ich werfe einen sehr kritischen Blick auf die Institution Schule und spreche sowohl individuellen als auch institutionellen Rassismus offen an. Leider ist die Institution Schule noch nicht so weit, sich wirklich kritisch mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Oft erlebt man als Lehrer:in, die rassistische Strukturen offen anspricht, reale Nachteile durch das System. Das ist sicherlich auch der Grund dafür, warum viele BIPoC Lehrer:innen sich mit ihrer Kritik zurückhalten.

Wie sieht für dich eine diskrimierungskritische Schule aus?

Ein Ort, an dem sich vor allem Lehrer:innen immer wieder mit ihren eigenen internalisierten Diskriminierungsmustern beschäftigen, sich aktiv weiterbilden, intersektional denken, handeln und unterrichten, jede:n Schüler:in als Individuum erkennen und schätzen. Ein Ort, an dem alle Schüler:innen ohne Angst sie selbst sein können. 

Wie gestaltest du deine Unterrichtsmaterialien diverser und inklusiver? Hast du eine
Seite, die du empfehlen kannst?

Ich benutze größtenteils keine gängigen Lehrwerke mehr, da diese häufig problematisches Material beinhalten, und erstelle meine Materialien selbst. Dazu greife ich auf Bücher zurück, die ich selbst gelesen habe. Auch verwende ich online verfügbare Videos, Interviews oder Artikel, die von BIPoC Autor:innen oder Journalist:innen geschrieben wurde. Eine gute erste Anlaufstelle ist das Magazin @literarischediverse, das zu vielen Themen, die BIPoC Schüler:innen ansprechen, Texte enthält. 

Was würdest du dir von angehenden Lehrer:innen wünschen?

 Ich würde mir wünschen, dass angehende Lehrer:innen kritischer mit dem System Schule sind und dass sie sich nicht immer an älteren Kolleg:innen orientieren, nur weil diese mehr Erfahrung haben. Das heißt noch lange nicht, dass sie alles richtig machen. Außerdem hoffe ich, dass vor allem die nächste Generation wertschätzend und empathisch mit Schüler:innen umgeht, ihnen wirklich zuhört und Schule zu einem etwas sichereren Ort macht. 


10 Fragen an Amira

10 Fragen an Amira
@a.mira.a.r

 

Amira

Stell dich bitte kurz vor!

Hey, ich bin Amira, bin 27 Jahre alt und habe erst einen Abschluss in Architektur gemacht und danach Modedesign studiert. Seit April bin ich damit fertig und mache ich hier und da ein paar Styling Jobs. 

Seit wann interessierst du dich für Modedesign und wie bist du dazu gekommen?

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, wann das Thema Modedesign so präsent geworden ist. Mode an sich war immer ein Weg, mich auszudrücken. Modedesign zu studieren kam mir erst nach meinem Architekturstudium in den Sinn, als ich gemerkt hatte, dass das nicht wirklich meine Welt war.

Wirklich darauf gekommen bin ich eigentlich durch ein Praktikum im Designbereich bei BMW. Ich war da bei der Color-and-Trim-Abteilung und ein paar Mitarbeiterinnen dort hatten Mode studiert und haben es geschafft, mich auf das Studium aufmerksam zu machen. 

Wieso hast du dich für Fashion und nicht für eine andere Kunstform entschieden?

Dass ich etwas Kreatives machen möchte, war immer klar. Architektur war der erste Versuch, das umzusetzen. Aber ich habe gemerkt, dass es schwer für mich war, Themen und vorallem meine Identität durch Architektur auszudrücken. Mode war für mich immer ein Weg, dies zu tun. So viele Menschen schaffen es, durch ihre Kleidung zu zeigen, wer sie sind und für was sie stehen. Ich wollte das auch. Ich wollte eine Kunstform erlernen, mit der ich etwas erschaffe, worin sich Menschen wohlfühlen und womit sie sich vielleicht sogar identifizieren können. 

Was möchtest du mit deiner Mode ausdrücken?

Mit meinen Designs versuche ich immer unterschiedliche Themen zu vereinen und so etwas Neues zu kreieren. Die wichtigsten Themen waren immer meine Wurzeln, welche im Libanon liegen, und Bereiche, die mit Genderdiskussionen, LGBTQ+-Themen und Feminismus zu tun haben. Die Dissonanz, die sich durch meine Queerness und meine Wurzeln gebildet hat, zu vereinen. 

Meine Kleidung soll ein Gefühl von Zugehörigkeit und Identität schaffen. 

In drei Stichworten: Wie würdest du deine Mode und Kreationen beschreiben?

Als ehrlich, stark und gefühlvoll.

Von was oder wem ist deine Fashion inspiriert?

Ich hole mir meine Inspiration von ganz verschiedenen Orten. Wie bereits erwähnt liegt ein großer Teil meiner Inspiration im Libanon und in den Gender Studien. Aber ich lasse mich auch durch Kunst, Gedichte und interessanten Menschen inspirieren. In manchen meiner Designs war zum Beispiel Erykah Badu eine große Inspiration. In meiner letzten Kollektion haben die Werke von Judith Butler eine große Rolle gespielt. 

Wie schätzt du die Zukunft der Modebranche ein?

In Zukunft glaube ich, dass in der Modebranche grundsätzlich neue Herangehensweisen ausgearbeitet werden. Nicht nur die Pandemie hat einiges verändert, auch das immer weiter wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit ist ein riesen Thema geworden. Die Modebranche muss sich anpassen und umstrukturieren. Vielleicht muss sie sich sogar in mancher Hinsicht neu erfinden.

Merkst du Veränderungen in der Mode- und Designbranche, was BIPoC und LGBTQ+ angeht?

Die Frage ist schwierig zu beantworten. Ja und nein. Ich finde, seit letztem Sommer wird dem ganzen Thema mehr Aufmerksamkeit gegeben. Diversität aber wirklich als Grundwert zu etablieren und daraus eine Selbstverständlichkeit zu machen, ohne dass es nur „Schein“ ist  - ich glaube davon sind wir leider noch entfernt. Klar, es gibt Veränderung, aber dass die Modebranche noch immer ganz klar von weißen Designer:innen dominiert wird, darf man nicht vergessen. 

Welche Veränderungen würdest du dir denn für die Branche bezüglich BIPoC und LGBTQ+ erhoffen? 

Ich würde mir wünschen, dass Diversität als Grundwert in der Branche etabliert wird und die Repräsentation von BIPoC in der Modeindustrie nicht nur vor der Kamera steigt, sondern vor allem dahinter. Also im Management- und Designbereich... Queerness, “Anderssein” ist ja nicht wirklich etwas Neues in der Modewelt. Aber inwiefern werden queere Aspekte nur als Hype aufgegriffen und wo werden diese Aspekte so eingesetzt, dass sie sich wirklich gegen Heteronormativität, gegen Zweigeschlechtlichkeit wenden. Ich hoffe, auch da wird sich weiterhin einiges ändern. 

Ich hoffe, dass durch die wachsenden Diskussionen, die momentan entstehen, mehr Menschen auf Ungerechtigkeit aufmerksam gemacht werden und so immer mehr BIPoC und Menschen der LGBTQ+-Community den Mut haben, ihre Kreativität und ihre Gedanken durch Mode in die Welt zu bringen. 

Und was erhoffst du dir in Zukunft von deiner Mode?

Ich hoffe, durch meine Mode in Zukunft Menschen inspirieren zu können, ihre Identität zu erforschen und auszuleben. Sich zu trauen, unterschiedliche, auf den ersten Blick nicht vereinbare Identitäten zu verbinden und so sie selbst zu sein. 

Wie sehen deine nächsten künstlerischen Schritte aus?

Mein nächster Schritt ist es, noch mehr Erfahrungen zu sammeln und dazuzulernen. Eventuell gehe ich zu Daily Paper in Amsterdam, die ein großes Vorbild für mich sind. Ein weiter Schritt ist es, eine eigene Marke aufzubauen, die inspirieren wird.

Fotos: Kaj Lehner

Joshua Brown-Colli


14 Fragen an Muzascorner

14 Fragen an Rapper Musa Borkowski
@muzascorner

Rapper: Muzascorner
Foto: Sean Udongwo (@archived.fotos)

Stell dich bitte kurz vor!

What’s good! Mein Name ist Musa Borkowski, ich bin 20 Jahre alt, komme aus Landshut und studiere in Regensburg vergleichende Kulturwissenschaft und Medienwissenschaft. Meine Wurzeln liegen in Deutschland und Südafrika.

Wie hat deine musikalische Laufbahn begonnen?

Aktiv selbst Musik mache ich seit meinem zehnten Lebensjahr. Ich habe Trompete gespielt, bis ich 16 war. Mit 14 habe ich dann angefangen, Hip-Hop zu hören und mit ungefähr 17 Jahren im Schulunterricht erste Zeilen zu schreiben.

Man merkt, dass du schon früh deine Leidenschaft für die Musik entdeckt hast. Wie kam es zu den
ersten Aufnahmen?

Zum selbst Recorden und Veröffentlichen bin ich durch einen Zufall gekommen. Ich war im September 2017 mit der Schule auf Abschlussfahrt in Amsterdam. Dort haben mich abends einfach random zwei Jungs auf der Straße gefragt, ob ich Beats mache, rappe oder Texte schreibe. Ich habe ihnen dann von meinen gelegentlichen Schreibversuchen erzählt. Mit dem Auftrag, auf einen Beat von Youtube einen Verse zu schreiben, haben sie mich dann paar Tage später zu sich ins Studio eingeladen. Dort haben sie mir ihre Songs gezeigt und ich konnte meinen ersten Aufnahmeversuch gleich in einem professionellen Studio wagen.

Und obwohl ich meiner Meinung nach nicht so überragend war, waren die Jungs voll begeistert und haben mich richtig motiviert. Als ich in den Bus zurück eingestiegen bin, hat einer von ihnen noch gerufen: „Bro this is just the start!“ - das hat sich richtig in mein Gehirn eingebrannt. Ich war selten so happy wie auf der Fahrt zurück. Die beiden haben wirklich sehr gute Musik auf Lager, aber sind mittlerweile leider zerstritten. Allerdings stehe ich noch mit beiden in Kontakt und mindestens einer von ihnen wird auf einem meiner Songs zu hören sein!

Wieso hast du dich für Rap und nicht ein anderes Genre entschieden?

Rap kann alles. Wirklich alles. Gemein sein, zerstören, aber genauso traurig sein, Freude oder Wut ausdrücken und am wichtigsten: Leute zusammenbringen. Die Variabilität von Instrumentals und die darauf aufbauende Vielfalt von möglichen Songs, ganz abhängig von der Künstlerin oder dem Künstler, fasziniert mich. Aber als 2015 der Soundtrack von Dr. Dre zum Film „Straight Outta Compton“ rauskam, habe ich recherchiert und mir den ganzen musikalischen Katalog von N.W.A. und ihrer einzelnen Mitglieder reingezogen. Im Zuge dessen habe ich mich auch erstmals eingehend mit der Geschichte der Schwarzen in Amerika und deren Auswirkungen bis heute beschäftigt und war sehr davon beeindruckt, wie viel gesellschaftliche und auch politische Power und Bedeutung die Worte in den Songs für die Leute damals hatten. Das kann meiner Meinung nach kein anderes Musikgenre von sich behaupten.

Was willst du mit deiner Musik ausdrücken und was macht diese besonders?

Gute Frage. Einen thematischen Kanon gibt’s es bei mir jetzt nicht, aber ich möchte gerne die „New Wave“ des Hip-Hop mit Oldschool verbinden. Das heißt, ich rappe zwar überwiegend auf Trap-Beats, aber nuschle nicht irgendwas vor mich hin, habe keinen Roboter-Autotune-Singsang, sondern versuche wirklich Bars aufs Papier und im Endeffekt ins Mic zu bringen, sehr gerne auch mit Melodie. Dieses Skill-Set, das früher die Essenz des Hiphop war, ist nämlich heutzutage stark verloren gegangen, finde ich. Zumindest werden die “Autotune-Nuschel-Diamantenkette-nur-auf-Gesicht-und-Händen-tätowiert-Künstler” stark von der Industrie gefördert. Verkauft sich besser.

In Deutschland ist es besonders schlimm. Dem will ich durch meinen eigenen Style entgegengehen, beziehungsweise ausweichen. Ein weiteres wichtiges Ziel meiner Musik ist es, Leute zusammenzubringen. In erster Linie Creators, also Künstler:innen, Produzenten, Grafiker. Und zwar über internationale Beziehungen. In meinem Song „Going Global“ rede ich unter anderem darüber. Gerade in der Musik zeigt sich meiner Meinung nach, was für tolle Dinge entstehen können, wenn Menschen aus verschiedensten Winkeln der Welt zusammenarbeiten. Das wird sich auf meinem ersten, sehr bald erscheinenden Tape noch nicht so stark zeigen. Trotzdem sind dort auch ein paar Beats von einem Marokkaner produziert und ich habe vokale Unterstützung von Personen mit brasilianischem, beziehungsweise türkischem Hintergrund.

Ich wurde in den Niederlanden von zwei Surinamern dazu gebracht, das Rappen ernst zu nehmen. Auf künftigen Projekten werden auch noch Featurings aus Gabun und Südafrika zu hören sein, dort habe ich bei meinen Besuchen auch schon Kontakte geknüpft. Und ohne die Hilfe meiner local German-Homies der Rapper Tim alias Tim089 vom Piano Collective, der den Großteil der Beats in meinen Songs produziert, und Nico, der zuständig für Coverart und den Trailer ist, würde das Tape sowieso nicht existieren. Außerdem möchte ich auch ein globales Publikum ansprechen, deswegen bin ich erstmal nur auf Englisch zu hören.

Wo liegt dann der Unterschied zwischen deinen Songs und deren anderer Rappern?

Vorab möchte ich klarstellen, dass ich weiß, dass auch meine Songs verbesserungsfähig sind, deswegen arbeite ich auch konstant an neuem Stuff! Was sie jedoch meiner Meinung nach jetzt schon von denen anderer Artists unterscheidet, sind Wortgewandtheit, Reimvielfalt und das Level an Wortspielen. Vor allem hierzulande hört man bei vielen neuen Künstler:innen kaum mehr klar erkennbare Reimschemen, geschweige denn mehr als zwei inhaltlich zusammengehörende Verse. Das ist jetzt auch nicht unbedingt was Schlechtes - auch ich habe ein paar Songs, die in einer halben Stunde fertig geschrieben waren - aber am Großteil sitze ich dann doch mehrere Tage. Wie schon gesagt, bin ich Fan von Hip-Hop geworden, weil der Inhalt dieser Musik so bedeutungsgeladen sein kann. Und diese „alte Schule“ möchte ich, so gut es geht und modern verpackt, in meinen Songs weiterführen.

Hip-Hop und Rap scheint also ein sehr großer Teil deines Alltags zu sein. Wieso hast du dich an der
Uni dann aber doch für Kulturwissenschaften anstatt Musik entschieden?

Um von Musik leben zu können, braucht man natürlich Durchhaltevermögen, Spaß an der Sache, Talent - wobei letzteres auch immer mehr wegfällt… aber vor allem Glück. Und falls ich dieses Glück nicht haben sollte, brauche ich einen Plan B, beziehungsweise eine Ausbildung, um mir später einen normalen Lebensunterhalt finanzieren zu können. Das wird mit Musik im Studium eher schwierig, denke ich. Und die Kulturen der Menschen interessieren mich schon, seitdem ich sechs oder sieben Jahre alt bin, wohl resultierend aus der Tatsache, dass meine Wurzeln in zwei doch recht unterschiedlichen Kulturen liegen und ich bilingual aufgewachsen bin.

Wie wir auch bereits erfahren haben, ist dir Internationalität in deiner Musik wichtig. Was inspiriert
dich außerdem?

Da gibt’s keine eindeutige Antwort. Ich bin noch im Anfangsstadium des Rapper-Daseins und probiere mich in vielen Sachen aus, die mir Spaß machen. Das geht von melodischen Newschool-Trap-Songs wie „12345“ bis hin zu gesellschaftskritischen und bedeutungsvollen Tracks wie „Contrasts“. Einflüsse dafür sind dementsprechend neue, junge Künstler:innen genauso wie die alten Klassiker wie Tupac, Eminem oder N.W.A. Meine Lieblingskünstler:innen sind Kendrick Lamar und die Flatbush Zombies. Ich habe beide auch schon live gesehen. Solche Erfahrungen motivieren und lassen neue Ideen aufkommen. Mein Ziel ist es jedoch, Label-unabhängig agieren zu können und Leute anzusprechen, die mich und meine Musik verstehen. Dass dies klappen kann, sieht man sehr gut am Beispiel der Flatbush Zombies. Außerdem haben die beiden Künstler:innen Kelvyn Colt und Serious Klein bewiesen, dass man auch als Deutscher mit englischsprachigem Hip-Hop eine Fanbase aufbauen kann. Ihr Erfolg ist meine Motivation, dasselbe und noch mehr zu erreichen.

Du nennst viele Schwarze Artists als deine Lieblingskünstler:innen und Vorbilder. Wie beeinflusst
dein eigenes Schwarzsein deine Musik?

Natürlich ist Hip-Hop ein (nicht ausschließlich) Schwarzes Genre. Das heißt, ich kann mich mit den „Urvätern“ des Hip-Hop und manchen ihrer Probleme identifizieren, da diese Probleme heute immer noch existieren. In manchen Songs greife ich das auch auf und rede darüber. Aber für den Rest beeinflusst das Schwarzsein meine Musik noch nicht so stark. Aber ich denke, das ändert sich, sobald es mir gelingt, meine Wurzeln in meine Musik zu integrieren.

In drei Stichworten: Wie würdest du deine Musik und Songs beschreiben?

Zeitnah, regellos und echt.

In drei Stichworten: Wie würdest du deinen ersten Auftritt vor Publikum beschreiben?

Ich drücke es mal in Emotionen aus: Nervosität, Motivation und Stolz.

Apropos Auftritt: Du warst Teil der BLM-Demo in Landshut. Was hat das in dir ausgelöst?

Zuallererst muss ich ein großes Dankeschön an das Organisations- und Moderationsteam aussprechen, das mich eingeladen hat, Teil der Demo zu sein. Das war mein allererster Auftritt und ich war super nervös. Aber als ich dann auf der Bühne stand und so viele vertraute Gesichter gesehen habe und der Track losging, ist es wie von selbst gegangen.

Auf die eigentliche Demo bezogen ist es sehr erfrischend und schön zu sehen, wie viele Leute sich gegen Rassismus aussprechen und sich für Betroffene einsetzen. Die Erfahrungsberichte der Beteiligten auf der Demo haben mich sehr berührt und mir gezeigt, wie schlimm es auch anderen BIPoC treffen kann, was Rassismus angeht. Ich habe zwar auch schon unschöne Sachen erlebt, die aber eigentlich nie über verbale Attacken und Alltagsrassismus hinausgegangen sind. Es war mir natürlich bewusst, aber zu hören, dass andere hier in Deutschland dazu noch körperlich angegangen wurden, und das schon häufiger, hat mich auf der einen Seite traurig und vor allem sehr wütend gemacht. Aber auf der anderen Seite hat es mich dazu motiviert, meinen eigenen Beitrag zur Demo zu leisten und weiterhin im Alltag und eben durch solche Aktionen aktiv gegen Rassismus vorzugehen.

Was sind deine Hoffnungen für die Zukunft?

Dass die Menschen irgendwann verstehen, dass es nur zusammen und im Miteinander klappt. Auf alles bezogen. Sei es Musik, Politik oder auch Klimaschutz. Dass Ausschluss im Endeffekt nur negative Konsequenzen hat. Und dass wirklich jeder Mensch gleich und seine Würde unantastbar ist. Davon sind wir leider immer noch zu weit entfernt. Ich hoffe auch, dass die Studie zu Racial Profiling der Deutschen Polizei gebilligt und dann korrekt und ohne Zwischenfälle durchgeführt wird. Denn, und da kann mir wahrscheinlich fast jede in Deutschland lebende Schwarze Person zustimmen, obwohl Racial Profiling verboten ist und nach Herrn Seehofer demnach nicht existiert, bekommt man durch manche Gesetzeshüter eine deutliche Benachteiligung gegenüber anderen zu spüren. Und das kann nicht sein. Außerdem hoffe ich ganz generell, dass die Menschen lernen, sich in andere hineinzuversetzen. Empathie ist meiner Meinung nach die Lösung für viele unserer Probleme, beziehungsweise würden viele dieser Probleme nicht existieren, wenn mehr Menschen fähig wären über ihren eigenen Tellerrand zu schauen.

Sehr schöne Worte. Aber nochmal zurück zu deiner Musik. Wie geht es mit deiner Zukunft weiter?
Worauf können wir uns in Zukunft freuen?

Wie ich oben schon gesagt habe, ein eigenes Label und ein globales Publikum. Das impliziert natürlich, dass ich mir damit meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Außerdem möchte ich immer ich selbst bleiben und mich nicht von Trends, möglichen Erfolg oder Ähnlichem verbiegen lassen.

Ich werde mich weiterhin ausprobieren und so viel Musik veröffentlichen, wie es nur geht, bei der Wahrung eines gewissen Qualitätsstandards. Mein erstes Tape ist ja schon fertig und ich arbeite schon an meinem zweiten Projekt, da ist definitiv wieder eine Steigerung bemerkbar, aber das werdet ihr alle in ein paar Monaten hören. Ich will außerdem lernen, Beats selbst zu produzieren. Denn so kann ich meine Ideen völlig ungebremst umsetzen, ohne auf einen anderen Producer angewiesen zu sein. Und Kontakte innerhalb der Musikszene knüpfen, ganz klar. Mit anderen Künstler:innen, die eine ähnliche Vision haben wie ich zusammenarbeiten, da habe ich richtig Bock drauf!

Vor allem aber möchte ich meine südafrikanischen Wurzeln in meine Musik mit einfließen lassen. Ich bin bisher sehr stark von amerikanischer Musik geprägt und habe erst mit 18 angefangen, meine Familie regelmäßig zu besuchen, also ist der musikalische Einfluss aus Südafrika eher gering. Aber ich habe wie gesagt dort schon erste Kontakte geknüpft und bin sicher, dass ich auch dort noch mehr Networking betreiben kann, sobald ich wieder hinfliegen kann. Can’t wait!

Akosua Abrefa-Busia


Mein Aussehen vs. meine Identität

Mein Aussehen vs. meine Identität

- Dein Konstrukt gegen meine Wirklichkeit -

Ich habe oft darüber nachgedacht, wie ich aussehen muss, damit man mir meine namibischen und deutschen Wurzeln ansieht. Natürlich wird erwartet, dass ich dunkle Haut habe – aber nicht zu dunkel. Dass ich gelockte Haare habe, aber keinen Afro. Eine typische „Mixed-raced“ eben. So muss ich aussehen, wenn ich will, dass Menschen aufhören, mich mit verwirrten Blicken anzuschauen, zu fragen, wieso ich als Namibianerin denn so weiß sei und dann wissen möchten, wie meine Mutter aussieht, um mein Erscheinungsbild zu verifizieren. 

Diese Zweifel an meiner Identität haben dazu geführt, dass ich mich jahrelang gefragt habe, wo denn innerhalb Deutschlands meine Community ist, in die ich hineinpasse, mit all meinen Erfahrungen und meinen Kulturen, aber vor allem mit meiner visuellen Identität, ohne diese  jedes Mal aufs Neue erklären zu müssen. 

Aufgewachsen in einer kleinen Stadt im Süden Deutschlands, waren meine Kultur, Traditionen und Werte dennoch alles andere als typisch deutsch und bis heute ist das deutscheste an mir meine Sozialisierung und mein Aussehen. Obwohl ich durch meine namibischen und deutschen Wurzeln „mixed“ bin, sehen viele Menschen mich nur als weiß. Dabei wird das Schwarzsein meiner Identität nicht gelesen, sondern von vielen Menschen gar abgesprochen.  Die Erfahrungen, immer wieder aufs Neue seine Identität darzulegen und gleichzeitig auch beweisen zu müssen, war bis jetzt immer mit emotionalen Hürden verbunden, da ich mich mit meiner deutschen Seite kaum identifiziere.

Meine namibische Herkunft liegt von klein auf für  mich im Zentrum meiner Identität. Die Art und Weise wie ich aufgewachsen bin, meine Mutter  und meine Familie, meine Verbindung zu meiner Kultur, die Sprache, das Land, die  Geschichten und Erlebnisse meiner Vorfahren und deren Schmerz vererbt in mir, all das und  mehr macht mich aus. All das wird mir aber abgesprochen, sobald man mich als weiß liest. Durch die Frage, „woher ich denn eigentlich käme, weil ich so exotisch aussähe“, ergibt sich die Annahme, dass ich nicht in die Schubladen des menschlichen Denkens hineinpasse und mein Erscheinungsbild erklärt werden muss. 

Als weiß gelesen zu werden, beziehungsweise „white-passing“ zu sein, ist dieser komische Zustand, sich seiner eigenen Identität und seiner Herkunft sicher zu sein, sich aber, sobald man auf andere Menschen trifft, zu wünschen, man hätte einen LED-Bildschirm auf der Stirn, der automatisch der Welt verkündet, wer man sei - und dass dieser gleichzeitig die Gedanken aussendet, die in einem vorgehen, aber die man für sich selbst behält. „White-passing“ zu sein, ist für mich die Erfahrung, auf Menschen zu treffen und für diese ein Rätsel zu sein. Für die einen bin ich weiß, für die anderen Türkin, oder dann doch Griechin, „nein, ganz sicher bist du Brasilianerin“. Oder sie geben es ganz auf, ihr „ethnicity guessing“, und nennen mich „die Exotische“, deren Herkunft man nicht einordnen kann, und stattdessen rassifiziert und  sexualisiert man sie mit dem Lieblingswort vieler weißer Menschen: „exotisch“. Während ich für viele weiße Menschen als „nicht-weiß“ gelte, bin ich für viele BIPoC weiß, vielleicht  Latina, aber nie Schwarz. Ich bin nicht aus Namibia. Afrikanerin, ich? Blicke und Gelächter  folgen. Die unterschiedlichen Erfahrungen mixed zu sein, aber nicht so gelesen zu werden, hat mich vor allem gelehrt, wie unterschiedliche Menschen, aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen und ihrem Verständnis von Herkunft und Ethnizität auf mich reagieren. Während ich zu meiner  Zeit in den USA 2011 und 2012 als mixed und daher auch als Schwarz akzeptiert worden bin, hat sich diese Akzeptanz in Deutschland nicht immer als selbstverständlich ergeben. Für mich  haben die Erfahrungen, die mit „white-passing“ einhergehen gezeigt, wie stur und starr wir doch noch mit Labels um die eigene Herkunft sind. 

„White-passing“ zu sein, bedeutet aber auch Privilegien zu haben. Ich kann mich durch die Welt bewegen ohne ständig Rassismus ausgesetzt zu sein, die rassistischen Erfahrungen, die ich mache, sind gering. Die Privilegien, die ich aufgrund meines Aussehens erfahre, bringen  jedoch auch Verantwortung mit sich. Ich bin verantwortlich dafür, mich nicht auf meinen  Privilegien auszuruhen und diese für mich auszunutzen, sondern meine Privilegien verpflichten mich dazu, die Bühne zu räumen und andere sprechen zu lassen. Meine Privilegien verpflichten mich, meine Stimme da zu erheben, wo andere wegschauen. Ich kann mich nicht „biracial“ nennen und dann nur darüber reden, wie sehr ich meinen beiden Kulturen verbunden bin, sondern muss auch mich in meiner Identität kritisch hinterfragen. Wir leben in einer Welt, die „Rasse“, obwohl es diese nicht gibt, immer noch in den Mittelpunkt des alltäglichen Lebens stellt. Wir leben in einer Welt, in der das „weiß-Sein“ (leider) eine erstrebenswerte Norm ist. Entsprechend dieser Norm ergeben sich Privilegien, ob wir wollen oder nicht. 

Während ich reflektiere, wie sehr ich selbst Komplizin dieses Unterdrückungssystems bin und gleichzeitig rassistische Erfahrungen aushalte und mich immer wieder zwischen verschiedenen  Emotionen hin und her bewege, wird mir immer bewusster, dass wir neben Rassismus auch Colorism bekämpfen müssen. Ich bemerke aufgrund meines Aussehens und den Erfahrungen, die ich mache, die Realität von Colorism und wie sehr es BIPoC-Communities beherrscht. Ich versuche unangenehme Erfahrungen besser zu verstehen, die ich mit BIPoC gemacht habe,  weil ich merke, dass diese auch nur dem System ausgesetzt sind und dieses verinnerlicht haben. Vor allem aber merke und lerne ich daraus, wie wichtig es doch ist, dass wir unser Verständnis von Herkunft ändern und innerhalb unserer eigenen Communities das statische Bild, von „wie wir auszusehen haben“, verbessern. 

Jede white-passing Person trägt ihre eigene Geschichte in sich, ich will aber, dass meine Geschichte aufzeigt, wie sehr ich beides bin und nicht an einem Tag das eine und am anderen Tag das andere. Ich bin das Produkt zweier unterschiedlicher Kulturen. Wie sich das in meinem  Aussehen widerspiegelt, spielt keine Rolle und gibt keinen Aufschluss über die Intensität meiner Schwarzen oder weißen Identifikation. 

Sheila-Ann Riek


„Jeder Einzelfall ist einer zu viel“

„Jeder Einzelfall ist einer zu viel

Beruflich verteidigte er in Wirtschaftsstrafverfahren unter anderem Manager von DAX-Unternehmen. Danach wechselte er zu einem internationalen Konzern und ist dort seitdem als Compliance-Officer tätig. Seit seinem Instagram-Post widmet sich Blaise Francis nun neuen Fällen. Das Interessante dabei: der Rechtsanwalt konnte lange Zeit nichts mit sozialen Medien anfangen.

 

Neben deiner Haupttätigkeit engagierst du dich auch ehrenamtlich für die Betreuung, Vertretung und Beratung von Rassismusbetroffenen in Deutschland. Was hat dich dazu bewogen?

Diese Unterstützung ist eigentlich gar nichts Neues für mich. Früher habe ich Hilfe bei Rassismusfällen jedoch nur im erweiterten Freundes- und Bekanntenkreis angeboten, also nicht öffentlichkeitswirksam darauf aufmerksam gemacht. Nach dem Mord an George Floyd ist der Umfang nun deutlich größer geworden. Auf einer Demonstration in Düsseldorf habe ich einen Stapel Visitenkarten mitgenommen und verteilt. Daraufhin kamen circa 50 Anfragen zu Rassimusfällen. Ungefähr eine Woche später habe ich mich dann erstmalig bei Instagram angemeldet. Ehrlich gesagt verband ich die soziale Plattform eher mit Urlaubsbildern und belanglosen Beiträgen. Dann erfuhr ich von Demonstrierenden aber, dass sie die Infos zur Veranstaltung über eine Instagram-Seite erhalten hatten.

Und nun nutzt du Instagram selbst als Plattform um deine ehrenamtliche Hilfe anzubieten. Was genau hat dich zu deiner pro Bono Arbeit inspiriert?

Eines Nachts habe ich zufällig ein YouTube Video gesehen, das mich sehr wütend machte. Es handelte sich um einen Fall aus Berlin. In einer Drogerie-Filiale wurde einer Schwarzen Frau EC-Karten Betrug unterstellt, da der deutsche Nachname für die Mitarbeiter:innen scheinbar nicht nachvollziehbar zum Aussehen der Frau passte. Mit dem Eintreffen der Polizei soll ein Polizist gesagt haben, dass die Schwarze Frau von einer Anzeige wegen Beleidigung absehen solle. Ansonsten würde eine Strafanzeige gegen sie erstattet werden. Der Vorfall hat mich besonders verärgert, da der Fall Ausdruck eines institutionellen Problems ist. Letztlich klingt es so, als sei hier der Versuch unternommen worden, der Schwarzen Frau das Recht auf Anzeigeerstattung und somit das Recht auf Zugang zu Justiz zu versagen.

Dies war der eigentliche Auslöser für meinen spontanen nächtlichen Instagram-Post, in welchem ich juristische Hilfe bei Rassismusfällen anbot. Innerhalb kürzester Zeit bekam ich daraufhin hunderte von Nachrichten, die meisten waren Zuspruch der Black Community. Die darauffolgende Woche gab es aber auch immer mehrrechtliche Anfragen. Mittlerweile sind es leider so viele Anfragen, dass ich aufgehört habe, diese zu zählen. Dabei handelt es sich vor allem um einfache rechtliche Anliegen, wie beispielsweise „Was tun bei Beleidigung?“ oder „Wo und Wie kann ich eine Anzeige erstatten?“. Zum Teil geht es leider aber auch um größere Fälle, wie Polizeigewalt und Angriffe durch Rechtsradikale, bei denen man vor Gericht geht und Stellungnahmen schreiben muss.

Das zeigt einerseits die große Relevanz deiner gemeinnützigen Tätigkeit, aber wie gehst du andererseits mit dieser Masse an Fallanfragen um?

In den ersten Wochen habe ich eine Nacht geschlafen und die andere nicht. Das nennt man „one nighter“ im Großkanzleien- und Bankerjargon. Irgendwann geriet ich von der Kapazität her aber an Grenzen, an denen ich mir selbst und auch dem Gegenüber nicht mehr gerecht werden konnte. Seitdem musste ich lernen, auch mal Nein zu sagen. Mittlerweile muss ich keine „one nighter“ mehr machen, sondern arbeite spätestens bis drei Uhrnachts. Ich habe begonnen die Fälle zu filtern und mich in erster Linie um die ganz besonders schlimmen zu kümmern.

Durch dein Engagement hilfst du anderen mit ihren erlebten Rassismusfällen. Wie gehst du selbst mit Rassismus am Arbeitsplatz um?

An meinem jetzigen Arbeitsplatz hatte ich wenige Berührungspunkte mit Rassismus. Es ist ein sehr modernes Unternehmen. Wir haben viele Mitarbeiter aus dem Ausland, daher wird mindestens zu 50 Prozent Englisch gesprochen. In meinen vorherigen Jobs in Kanzleien und in der Unternehmensberatung kam es hin und wieder leider manchmal zu unpassenden Sprüchen. Nie gegenüber meiner eigenen Person, aber in meinem Beisein gegenüber Mitmenschen mit Migrationshintergrund. Hier fand oft indirekter Rassismus statt, der natürlich trotzdem verletzend ist.

Foto: Jennifer Fu

So etwas spreche ich immer offen an. Man muss aber dazu sagen, dass es oft leichter gesagt als getan ist. Als Rechtsanwalt arbeitet man meistens in verhältnismäßig flachen Hierarchien. Dort ist es oft einfacher, Rassismus anzusprechen als in anderen beruflichen Konstellationen. Einige meiner Mandant:innen haben Angst ihren Job zu verlieren oder erfahren Mobbing oder andere Repressalien, wenn sie sich dagegen äußern. Es ist also eine Fall-zu-Fall-Entscheidung. Nicht für jeden ist es einfach dagegen vorzugehen.

Glaubst du, dass das Thema Rassismus in der Politik zu wenig ernst genommen wird?

Aktuell bewegt sich etwas, daran habe ich keine Zweifel. Jedoch ist gleichzeitig auch eine defensive Abwehrhaltung in der Politik zu beobachten. Ein Teil der Mehrheitsgesellschaft fühlt sich angegriffen, genauso wie die Polizei als Institution und das Innenministerium. Diese Abwehrhaltung muss aber überwunden werden, um offen über Dinge diskutieren und Sachen ändern zu können.

Du erwähnst gerade die Polizei. Wie sinnvoll wäre hier eine Racial-Profiling Studie?

Es war zunächst nichts anderes als eine Provokation seitens Herrn Seehofers, statt einer geforderten Racial-Profiling Studie eine Studie für Gewalt gegen Polizisten zu fordern, obwohl es zu letzterem bereits Zahlen gibt. Ich glaube, der Innenminister nimmt sich mit dieser Argumentation selbst gar nicht ernst, sondern will letztlich nur auf Stimmenfang aus dem rechten Spektrum gehen. Ich denke, er will mit solchen Aussagen Personen erreichen, die potenziell dazu neigen die AFD zu wählen.

Meines Erachtens brauchen wir eine Studie nicht zwingend. Nach Berichten über NSU 2.0, rassistische Chatgruppen und rechtsradikalen Netzwerken, denen Polizeibeamte angehören ist es bereits erwiesen, dass es genügend Fälle von Rassismus bei der Polizei gibt. Wir dürfen uns daher nicht von der Diskussion rund um eine Racial-Profiling-Studie ablenken lassen.

Denn jeder Fall von Rassismus in der Polizei ist sehr gefährlich und einer zu viel!

Aber denkst du, dass eine Studie den Weg zu diesen Maßnahmen nicht erleichtern würde?

Ich bin da sehr skeptisch. Man muss sich die Frage stellen, wie eine vom Innenministerium unter der Leitung von Herrn Seehofer durchgeführte Studie aussehen würde. Wie wäre der Ansatz? Würde man auf die Opfer oder nur auf die Polizei zugehen? Befragt man ausschließlich Polizisten ist damit zu rechnen, dass das Rassismus-Problembei der Polizei verneint oder zumindest verharmlost wird. Denn kein Polizist wird in einer Studie offen seine rassistische Gesinnung preisgeben. Wenn eine Studie durchgeführt werden soll, müssen beide Seiten befragt werden um ein objektives Ergebnis zu erreichen.

Ich möchte aber nochmal klarstellen, dass die abgesagte Studie trotzdem ein Skandal ist. Das zeigt, dass die Politik die Augen davor verschließt und gar nicht feststellen möchte, ob es ein Problem gibt. Aber brauchen wir eine Studie des Innenministeriums zwingend, um was zu verändern? Nein! Die Gesetzgebung kann bereits jetzt handeln und bessere Gesetze schaffen. Zudem hoffe ich auch darauf, dass die Zivilgesellschaft eigenständig Studien zum Thema Rassismus bei der Polizei umsetzt. Es gibt bereits jetzt einige Studien, zum Beispiel von der Uni Bochum oder von dem Verein Eoto. Weil die Bundesregierung im Hinblick auf die Studie enttäuscht hat, haben diese Institutionen beschlossen, selbst Umfragen durchzuführen. So etwas sollte noch mehr gefördert werden. Wenn der Staat nicht will, dann soll und muss die Wissenschaft selber tätig werden.

Also wären deiner Meinung nach private Vereine mit wissenschaftlicher Unterstützung bessere Quellen?

Ich fürchte leider, dass Weißes Privileg nicht durch Herrn Seehofer als weißer privilegierter Mensch abgeschafft wird. Die Zivilgesellschaft und Wissenschaft darf und kann sich leider nicht auf das Innenministerium verlassen. Wir müssen Studien zum Thema Rassismus selbst in die Hand nehmen, anstoßen und durchführen.

Akosua Abrefa-Busia