Einzelfall über Einzelfall

Datum15.06.2024

AutorPia Ihedioha

Illustration: @nellesroom

Hoyerswerda 1991: Zehn Skindheads attackieren vietnamesische Händler*innen. Vor den Augen der Öffentlichkeit müssen sich die angegriffenen Personen in ihrem Wohnheim verschanzen. Ein Wohnheim, in dem vor allem Vertragsarbeiter aus Vietnam und Mosambik leben. 30 Menschen werden verletzt. Die Polizei ist überfordert. 

 

Einzelfall 

 

Rostock-Lichtenhagen 1992: Etwa 1000 Neonazis, Skinheads, betrunkene und gewaltbereite Jugendliche attackieren die Unterkunft für geflüchtete Menschen. Hier leben vorwiegend vietnamesische Vertragsarbeiter.

 

Einzelfall

 

Mölln 1992: Neonazis bewerfen zwei Häuser, die von türkischen Familien bewohnt werden, mit Brandsätzen. Drei Menschen werden ermordet. 

 

Solingen 1993: Wieder ein rechtsextremer Brandanschlag. Fünf türkischstämmige Frauen und Mädchen werden ermordet. 

 

Einzelfall 

 

Lübeck 1996: Brandanschlag auf ein Heim für Asylbewerber*innen. 

 

2000 – 2007: Die rechtsextreme Terrorgruppe NSU ermordete von 2000 bis 2007 neun Menschen aus rassistischen Motiven und eine Polizistin.

 

Einzelfall 

 

München 2016: Ein Mensch erschießt neun Menschen. Es ist der fünfte Jahrestag des rechtsextremen Attentats von Anders Breivik in Norwegen. Erst nach mehreren Jahren wird die Tat offiziell als rechtsextrem eingestuft.

 

Halle 2019: Ein Rechtsextremist versucht an dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in die Synagoge einzudringen. Als ihm dies nicht gelingt, tötet er eine Passantin und einen 20-jährigen Mann in einem Dönerlokal. 

 

Im selben Jahr wird Walter Lübcke in seinem Wohnhaus von einem Rechtsextremisten erschossen. 

 

Acht Monate vor Hanau. 

 

Einzelfall, Einzelfall und immer wieder Einzelfall 

 

Hanau 2020 

Genauer gesagt: der 19.02.2020 

 

Es ist 21:58

Schüsse 

am Café La Votra und später an der Arena Bar sowie in der Midnight Bar.

 

Fast fünf Jahre ist es jetzt her 

weniger als zehn Minuten – mehr braucht es nicht

Und neun Menschen sind tot. 

Sechs Menschen verletzt. 

52 Patronenhülsen 

 

Zwei offene Leitungen 

Fünf registrierte Notrufe – unzählige nicht registrierte Notrufe

Drei Mal hat Vili Viorel Păun die 110 gewählt, aber er kam nicht durch.  

 

Wen rufst du an, wenn die Polizei nicht dran geht? 

 

Bei der Bekämpfung von Extremismus wird rechter Terror zu oft außer Acht gelassen. Rassismus innerhalb der Sicherheitsbehörden als das Problem einzelner Polizist*innen abgetan und das, obwohl es regelmäßig Meldungen über rechtsextreme Polizeichats, Mitgliedschaften in rechtsextremen Vereinen oder Parteien wie der AFD gibt. 

 

13 der 19 rechtsextremen Polizeibeamten aus der aufgelösten SEK-Einheit aus Hessen waren in Hanau im Einsatz. 

 

Einzelfall

 

Viele offene Fragen: 

Welche Anzeichen gab es im Vorfeld dieses Attentats? 

Gab es Versäumnisse bei der Ausstellung der Waffenerlaubnisse für den Täter? 

Was wussten die Behörden über den Täter und dessen Vater, und wie wurde mit diesen Informationen umgegangen?

Wieso ist solch ein Attentat nicht verhindert worden?

Welche Missstände gab es beim Notruf? Warum konnten Vili Viorel Păun und andere den Notruf nicht erreichen? 

Warum vergingen von den ersten Schüssen bis zum Auffinden der Leiche von Kaloyan Velkov 25 Minuten? 

Warum wurden die Familien so lange im Unklaren gelassen? 

Warum war der Notausgang verschlossen? 

Welche Verantwortung tragen hessische Behörden hierfür? 

 

Warum? 

 

Ein paar dieser Fragen konnten beantwortet werden – aber auch nur weil Angehörige und Überlebende des 19. Februars für einen Untersuchungsausschuss zu Hanau gekämpft haben. Einem Ausschuss, bei dem es zu einem Feueralarm kam und CDU Abgeordnete sich über den Notausgang des Landtags lustig machten und Vergleiche zu Hanau zogen. 

 

Einige Fragen bleiben bis heute unbeantwortet und viele neue Fragen sind dazu gekommen. 

Wann wollt ihr aus den vergangenen rechtsextremen Taten endlich lernen? 

 

Das Schicksal der Familie von Mercedes Kierpacz zeigt die Kontinuität von Rechtsextremismus. Ihre Familie sind Roma. Der Urgroßvater von Mercedes war im KZ ermordet worden und Mercedes wurde in Hanau ermordet. 

 

Einzelfall 

 

Fünf Jahre nach Hanau – viele offenen Fragen und die Hinterbliebenen kommen nicht zu Ruhe: 

 

So forderte im Herbst 2020 der Vater des Täters die Herausgabe der Waffen und Munition seines Sohnes.

 

Serpil Unvar hat Angst.

„Was passiert als Nächstes?“, fragt sie. „Sein Sohn hat meinen Sohn ermordet. Und dann geht der Vater zu meinem Haus, steht vor meinem Küchenfenster und macht mir Angst. Ich mache mir Sorgen um die Sicherheit meiner Kinder. Er wohnt keine hundert Meter von uns entfernt.“ 

 

Zwei Polizisten sagten zu ihr: “Warum ziehst du denn nicht um, dann hast du deine Ruhe?” 

 

Warum sollte sie umziehen?

Serpil Unvar sagt dazu:  

“Ferhat hat dort gelebt, sein Zimmer, seine Klamotten sind da. Er ist in Kesselstadt geboren und in Kesselstadt gestorben. Warum sollte ich umziehen?” 

 

Auch Angehörige von Hamza haben Angst, Angst vor dem Vater, sie gehen nicht mehr raus. 

 

Armin Kurtovic, Vater von Hamza Kurtovic: „Wenn nicht mal der deutsche Politiker Walter Lübcke vor rechter Gewalt geschützt werden kann? Wie wollen sie mich dann schützen?” 

 

Eine Frage, die in mir widerhallt: 

Wie soll dieses System, dieser Staat mich dann schützen? 

 

Und immer wieder die Frage der Familien, der Überlebenden, der Menschen, die noch in Hanau leben: 

„Wenn wir in der Tatnacht nicht geschützt werden konnten, warum sollte es in Zukunft anders sein?“

 

Diese Ohnmacht.

Ich weiß, dass viele von Rassismus betroffene Menschen in diesem Land darunter leiden. 

 

Gerade an so einem Tag wie diesem. 

 

“Dieser Staat hat keinen Respekt vor uns, wenn wir leben, und er hat keinen Respekt vor uns, wenn wir sterben.”
Zitat aus einer Gedenkrede in Hanau.

 

„Ich werde nicht ruhen, bis alles aufgeklärt ist“, sagt der Vater von Hamza Kurtovic.

Wir sollten nicht ruhen. 

Wir als Gesellschaft sollten nicht wegschauen, nicht schweigen und nicht aufgeben, bis alles aufgeklärt ist. 

 

Wir sollten laut sein und die Forderungen und Arbeit der Angehörigen unterstützen. 

 

Denn Hanau war kein Einzelfall.

 

Ich frage euch: 

Wie viele noch? 

Wie viele müssen noch von uns gehen? 

 

Vor fünf Jahren wurden neun Menschen in Hanau von einem Rechtsextremisten ermordet. Sie alle könnten noch am Leben sein, mit ihren Träumen, 

mit ihren Plänen und Freuden. 

 

Kein Vergeben. 

Kein Vergessen.

 

 

Gegen die Angst. Für das Leben. Erinnern heißt verändern!
Wir gedenken den Opfern, Betroffenen und Überlebenden rechtsextremer Gewalt! 

 

Say their names: 

 

Gökhan Gültekin

Sedat Gürbüz

Said Nesar Hashemi

Mercedes Kierpacz 

Hamza Kurtović

Vili Viorel Păun

Fatih Saraçoğlu

Ferhat Unvar 

Kalojan Velkov

 

Volle  Solidarität und Unterstützung für die Bildungsinitiative Ferhat Unvar (@bi_ferhatunvar) und die Initiative 19. Februar Hanau (@19februarhanau).

 

Dieser Text erschien in der dritten Printausgabe #3Generation(en). Hier kommst du zum Shop.