Utopie oder Zukunftsvision? Ein diverser Arbeitsplatz

Utopie oder Zukunftsvision? Ein diverser Arbeitsplatz

Datum06.05.2023

AutorJennifer Aghedo

Mit dem Ende des Studiums beginnt der berühmte neue Lebensabschnitt, in dem man sofort wissen soll, wie alles im Arbeitsleben läuft und wo man letztendlich hin möchte.

Alles beginnt mit einem Praktikum. In der Vorbereitung haben Bi_PoC neben den normalen Sorgen von „Reichen meine Kenntnisse überhaupt für ein Praktikum?“ über „Bin ich dem Druck gewachsen?“ auch noch andere Sorgen, die sich nicht so einfach mit einem perfekten Lebenslauf und gefaketem Selbstbewusstsein überspielen lassen. Sorgen, die gerechtfertigt und nicht so leicht zu beheben sind. Der Einstieg ins Berufsleben ist für alle mühsam und nervenaufreibend, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Unterbezahlte Praktika und Aufgaben, die nicht die erhoffte berufliche Erfüllung bringen – als praxisunerfahrene*r Student*in landet man mehr oder weniger auf dem harten Boden der Tatsachen. Als Bi_PoC beschäftigt man sich allerdings bei jeder Absage zusätzlich noch mit der Frage, ob diese nur wegen dem eigenen Aussehen oder Nachnamen kam. Schon bei der Bewerbung muss man sich überlegen, ob man den Lebenslauf mit Bild oder sicherheitshalber ohne Bild verschickt. In manchen Ländern sind Lebensläufe ohne Foto bereits Norm und in den USA wird man beispielsweise aus dem Bewerbungsprozess ausgeschlossen, wenn man trotzdem ein Bild schickt. Der Hintergedanke ist dabei, es den Arbeitgeber*innen nicht zu ermöglichen, schon basierend auf dem äußeren Erscheinungsbild eine Absage zu erteilen. Bei einer hart erkämpften Zusage hören die Sorgen als Bi_PoC allerdings nicht auf, sie schreiten auf eine neue Ebene vor. Eine Ebene gefüllt von möglichen rassistischen Kommentaren (und sexistischen, sollte man kein Mann sein).

„Es tut mir so leid, weil ich weiß, dass es für dich noch so viel schlimmer wird.“

Im Gespräch mit einer Bekannten ist dieser Satz gefallen, woraufhin mein Bedürfnis nach mehr Informationen geweckt war. Rassistische und sexistische Kommentare beispielsweise wie „Wie stehen Sie denn zur Flüchtlingskrise?“ oder „Sie können hier ruhig mit den Männern reden, Sie sind hier ja in der Arbeit.“ gehören vor allem für weiblich gelesene Bi_PoC zum Arbeitsalltag. Implizierend, dass kulturelle Unterschiede Frauen davon abhalten, im Arbeitsumfeld mit ihren männlichen Kollegen zu kommunizieren. Als Frau wird man oftmals in allen Lebensbereichen und vor allem in der Wirtschaft Opfer von Intersektionalität in Form von Sexismus und Rassismus. Intersektionalität beschreibt eine vielseitige Form der Diskriminierung, die nicht nur aus beispielsweise Rassismus besteht, sondern wie in diesem Fall auch noch Sexismus beinhaltet. Dieser äußert sich dabei in kontinuierlicher Unterschätzung der fachlichen Kompetenzen, einer aufdringlichen Bevormundung und der Zuteilung von unterfordernden Aufgaben. Weiblich gelesene Bi_PoC FLINTA* sind zusätzlich oft einer Fetischisierung und Sexualisierung ihrer männlichen Kollegen ausgesetzt. Männer fühlen sich unter anderem aufgrund der vermeintlichen kulturellen Unterschiede schnell in eine Machtposition versetzt, die sexuelle Belästigung in Form von Annäherungen und Kommentaren zu legitimieren scheint. Bei dem Versuch, diese anzusprechen und zu verarbeiten, wird man vor allem als Praktikant*in oder Berufseinsteiger*in mit dem Bedürfnis konfrontiert, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Aber auch als Festangestellte*r wird das Benennen von rassistischen Kommentaren als gefährdend für die berufliche Zukunft wahrgenommen, da viele Gehälter und Beförderungen mittlerweile an das Verhalten und die Leistung der Person geknüpft sind. Je mehr man sich also dem sich ausgesetzten Rassismus fügt und das Verhalten anpasst und je erfolgreicher und schneller die Fortschritte im Arbeitsumfeld erreicht werden (z.B. Verkaufszahlen), desto höher sind die Chancen auf eine Beförderung und somit auch auf ein höheres Gehalt. Dieses Dilemma erschwert es Bi_PoC, sich vollkommen mit den eigenen Erfahrungen auseinanderzusetzen, was zu einer psychischen Belastung führen kann. Eine Studie aus dem Jahr 2020 von EY und ,Gesicht zeigen‘ zu dem Thema „Rassismus im Kontext von Wirtschaft und Arbeit“ bestätigt diesen Konflikt. 81% der Befragten befürchten keinen beruflichen Nachteil beim Einsatz gegen Rassismus, wobei hier alle Beschäftigten betrachtet werden. Gleichzeitig wünschen sich fast 45% keinen offenen Austausch über Rassismus an ihrem Arbeitsplatz. Es kommt daher nicht selten vor, dass weiße Kollegen*innen einem*einer Bi_PoC- Kollegen*in von einer Meldung beim Betriebsrat oder einem Zuständigen abraten, um „Drama“ zu vermeiden. Dazu kommen Kommentare wie, “Man könne sich schon vorstellen, dass eine Frau mit diesem kulturellen Hintergrund empfindlicher auf unerwünschte Annäherungsversuche reagiert”. Dies wirkt einschüchternd und bewirkt, dass die eigene Reaktion und Emotionen von der betroffenen Person hinterfragt werden. Die Verharmlosung von rassistischen und sexistischen Vorfällen kann Hilflosigkeit und Frustration auslösen, die in keinem Fall FLINTA* helfen, mental rassistische und sexistische Erfahrungen zu verarbeiten.

Der Schein eines diversen Arbeitsplatzes

Von diesen Vorfällen ist in der ein oder anderen Ausprägung jede Branche betroffen, allerdings besteht die „klassische“ Wirtschaft in Deutschland immer noch hauptsächlich aus weißen, privilegierten Menschen. Weniger Diversität und Kontakt mit Diskriminierten im Alltag führt hier zu einem unsensiblen Umgang mit Bi_PoC- Kollegen*innen. Jüngere Unternehmen haben den Vorteil, strukturellen Rassismus noch nicht komplett in ihrer Unternehmenskultur gefestigt zu haben. Außerdem bestehen sie oft aus jüngerem Personal, welches sich im besten Fall schon mit einer Rassismus- und Sexismus- Thematik auseinandergesetzt hat. Allerdings muss auch hier aktive Aufklärungsarbeit betrieben werden, um das Bewusstsein aufrechtzuerhalten und weiterzubilden. Die Studie von ,Gesicht zeigen‘ und EY weist ebenfalls eine Nachfrage der Arbeitnehmer*innen nach rassismuskritischen Fortbildungen in Firmen nach. Ein weiteres Zeichen sind unternehmensinterne Kampagnen gegen Rassismus, dadurch wird Personen, die Rassismus ausüben, vermittelt, dass hierfür keine Toleranz besteht. Allerdings sind diese Angebote meistens freiwillig und haben mehr mit Imagearbeit zu tun, als dass sie einen realen und nachhaltigen Effekt hätten. Einen langfristigen Einfluss auf die Diversität eines Unternehmens können Quoten haben. Durch den anfänglichen Zwang, mehr auf eine ausgeglichene Einstellung von Männern und Frauen bzw. von weißen und Bi_PoC zu achten, verändert sich das Personalbild und ein diverser Arbeitsplatz wird normalisiert.

Die Zukunftsvision eines diversen Arbeitsplatzes

Felwine Sarr beschreibt in seinem Buch „Afrotopia“ ein Wirtschaftssystem, das in die Kultur eingebettet ist und nicht andersherum. Ein Arbeitsplatz, der sich an den kulturellen Werten und Vorstellungen einer Gesellschaft orientiert und von den unterschiedlichen Kulturen profitiert – quasi the best of both/ all worlds. Die Hilfsbereitschaft und Gemeinschaft, die in anderen Kulturen viel bedeutender ist als in der deutschen, könnten den Arbeitsplatz zu einem produktiveren und angenehmeren Umfeld machen. Ein Ort, an dem man nicht mehr hervorsticht oder anders behandelt wird aufgrund seines Aussehens oder seines Geschlechts. Man fühlt sich nicht einsam aufgrund der eigenen Identität, sondern passt perfekt in das diverse Bild des Teams. Allen werden dieselben Möglichkeiten geboten, sich zu entfalten. Ob Utopie oder Zukunftsvision wird sich zeigen und bis dahin ist Distanz und sachliche Vorbereitung auf mögliche rassistische und sexistische Kommentare angesagt. Mit dem Einstieg in die Arbeitswelt ändert sich nicht nur für die Person selbst der gesamte Alltag, sondern man setzt sich Situationen und Menschen aus, denen man zuvor im eigenen Umfeld womöglich noch nicht begegnet ist. Mit meinem eigenen Einstieg in die Arbeitswelt und den damit verbundenen Ängsten und der Angespanntheit versuche ich mir jedoch weiterhin vor Augen zu halten, dass ich nicht alleine bin.

Autorin: Jennifer Aghedo, Titelfoto: privat

Der Begriff FLINTA* steht für Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen. Weiblich gelesene Person meint Menschen, die von der Gesellschaft als weibliche Person wahrgenommen werden.